Kriegerin – Grips Theater

Am Mittwoch habe ich die Premiere eines Stückes besucht, dem ich schon sehr lange entgegengefiebert habe. Und nach den momentanen Ereignissen in Deutschland und den tragischen und verheerenden Anschlägen in Paris vom Wochenende, ist es nur noch brisanter und noch aktueller geworden.

Kriegerin, der Film von David Wnendt aus dem Jahre 2011, hat mich damals schon sehr beeindruckt und sehr berührt, auch, da er sich, im Gegensatz zu vielen anderen Filmen und Büchern, um weibliche Rechtsradikale dreht. Und nicht nur um die Mitläuferinnen, die „Freundinnen“, die eben nachplappern und sich gern als Unterstützerin ihres Mannes sehen, sondern um eine tiefüberzeugte junge Frau mit eigener Agenda.Titel: Kriegerin. Nach dem Film von David Wendt, bearbeitet fuer die Buehne von Tina Mueller. Regie: Robert Neumann. Buehne & Video: Silke Pielsticker. Kostueme: Jan A. Schroeder. Ort: Grips Theater Berlin. Urauffuehrung: 11. November 2015. No model release. Copyright: david baltzer/bildbuehne.de. Darsteller: Alessa Kordeck / Marisa u.a..

Für die Bühnenadaption des Filmes (Bühnenfassung von Tina Müller) wurde der Inhalt etwas verändert. Zwar ist auch hier Marisa (Alessa Kordeck), eine junge Rechtsradikale, die Hauptperson, aber neben ihr und Svenja (Maria Perlick), die gerade in die Rechte Szene hineinstolpert, geht es auch um das Leben im Asylantenheim, um die Auswirkung von rechtem Gedankengut und rechter Gewalt auf das Familienleben und das Umfeld von Täter und Opfer.

Marisa, eine junge Supermarktkassiererin, weigert sich, an ihrer Kasse die beiden jungen Asylanten Jamil und Rasul (Paul Jumin Hoffmann und Lorris Andre Blazejewski) zu bedienen. Sie ist tief in der Rechten Szene verwurzelt, ihr Großvater hat sie bereits auf diesen Weg gebracht, als sie noch ein kleines Mädchen war. Nun ist sie die Freundin von Sandro, der ihre Nazitruppe anführt und plant, diesem viele Kinder zu schenken und ihm bei seinem Weg an die politische Spitze zur Seite zu stehen. Als er in den Knast kommt, übernimmt sie kurz seine Stellung in ihrer Truppe. Sie ist es dann auch, die die beiden Flüchtlingsjungen nach einem Streit mit ihrem Wagen anfährt und schwer verletzt. Während der Weg von Svenja, einem netten Mädchen, dass nach der Trennung ihrer Eltern haltlos herumtrudelt, in das Zusammengehörigkeitsgefühl der Nazitruppe führt, führen Reue und aufkeimendes Verständis für Rasul Marisa genau in die entgegengesetzte Richtung. Sie beginnt sich, ihre gewaltgepägte Beziehung zu Sandro und ihre Truppe anzuzweifeln. Aber ihre Geschichte, die mit Gewalt begann, kann auch nur in Gewalt enden.

Titel: Kriegerin. Nach dem Film von David Wendt, bearbeitet fuer die Buehne von Tina Mueller. Regie: Robert Neumann. Buehne & Video: Silke Pielsticker. Kostueme: Jan A. Schroeder. Ort: Grips Theater Berlin. Urauffuehrung: 11. November 2015. No model release. Copyright: david baltzer/bildbuehne.de. Darsteller: Alessa Kordeck / Marisa und Maria Perlick / Svenja u.a.. Titel: Kriegerin. Nach dem Film von David Wendt, bearbeitet fuer die Buehne von Tina Mueller. Regie: Robert Neumann. Buehne & Video: Silke Pielsticker. Kostueme: Jan A. Schroeder. Ort: Grips Theater Berlin. Urauffuehrung: 11. November 2015. No model release. Copyright: david baltzer/bildbuehne.de. Darsteller: Alessa Kordeck / Marisa und Maria Perlick / Svenja u.a..

Eine sehr, sehr sehenswerte und starke Aufführung! Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das gegenseitige Anheizen und Parolendreschen der Rechten wird ebenso gut dargestellt wie die Angst und die Hilflosigkeit der Wegschauenden. Ein düsteres, starkes und zugleich ungemein nachdenkliches Stück. Neben der grandiosen Alessa Kordeck hat mich vor allem Maria Perlick als ziellose und beeindruckbare Svenja sehr überzeugt, die auf ihrer Suche nach Familie rehäugig direkt in die Falle stolpert.

Zu sehen hier:

GRIPS Theater
Altonaer Straße 22
10557 Berlin

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Das Kom(m)ödchen Düsseldorf zu Gast im BKA Theater!

Es ist eine jahrealte und liebgewonnene Tradition: die Freunde Dieter, Bodo und Lutz schauen zusammen das Fussball-Länderspiel. Und zwar in Lutz‘ abgeranzter Junggesellenbude, auf dessen winzigen Röhrenbildschirm. Genau, wie sie es nun schon seit Jahrzehnten tun.

Dieses Jahr aber ist plötzlich alles anders! Bodo bricht die hehren Regeln des Männerabends und bringt tatsächlich seine neue Flamme mit! Und als wäre das allein nicht schon Affront genug, will Solveig dann auch noch den Abend filmen! Sie ist nämlich Dokumentarfilmerin. Eine sehr ambitionierte, wenn es auch zur Zeit vor allem Bodos ererbter Reichtum ist, der sie über Wasser hält. Sie möchte nun jedenfalls eine Doku für Arte drehen, über Fussball oder besser über Deutsche im Fussballrausch. Ganz natürlich sollen die Freunde sich geben, was die Drei natürlich erst einmal erstarren lässt. Und dann bricht die Hölle los. Vergrabene und bisher nie ausgesprochene Ressentiments brechen sich Bahn und die Freundschaft der Männer wackelt heftig. Der reiche Erbe, der hart arbeitende Familienvater, der Anti-Alles-Revoluzzer, was hat sie eigentlich all die Jahre zusammengehalten? Das verbünden gegen den gemeinsamen Fussballfeind vielleicht? Aber was ist eigentlich mit dem Thema Deutschland – Ein Sommertraum? Mit Nationalgefühl und dem Stolz, ein Deutscher zu sein? Darf man das? Dieter sagt ja, Lutz brüllt nein und die Kamera läuft…

Sehr lustiger und nur zu ehrlicher Kabarettabend über Freundschaft, Beziehungen, Fussball und Politik. Garniert mit frechen Songs und einer Prise Verrücktheiten (der Abend endet irgendwie in China). Manchmal hört man die Herkunft aus NRW heraus, bei Spitzen gegen Bielefeld und einem Song über Suhl.

Leider nur ein Gastspiel im BKA Theater, aber Augen offen halten, vielleicht kommen sie ja bald wieder: http://www.bka-theater.de

Eine Familie – „August, Osange County“ im Theater am Kudamm

Beverly Weston (Felix von Manteuffel) ist verschwunden. Der pensionierte Collegeprofessor, vor vielen Jahren mit einem Lyrikband kurzzeitig berühmt geworden, wird nicht sofort vermisst. Schließlich ist er schwerer Alkoholiker und es ist nicht das erste Mal, dass er auf eine tagelange Tour verschwindet. Nun ist seine Frau Violet (Ursula Karusseit) allerdings mit der Situation überfordert und ruft ihre Familie zur seelischen Unterstützung herbei.

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Und sie kommen, ihre drei Töchter und bringen ihre eigenen Probleme mit. Barbara (Annette Frier), die Lieblingstochter, die mit ihrem betrügerischen Mann und ihrer halbwüchsigen Kiffertochter anreist. In sie setzt Mutter Violet am meisten Hoffnung, aber ihre Beziehung ist auch die schwierigste. Während Tochter Ivy (Eva Löbau) in der Nähe der Eltern blieb und ihre Eskapaden und Ausbrüche in den letzten Jahren stoisch ertrug, zog Barbara weit weg und hatte weder mit ihren Schwestern noch mit ihren Eltern viel Kontakt. Sie hasst alles, was mit ihrem Elternhaus zu tun hat und Barbara und Violet krachen auch sofort ineinander wie wütende Stiere. Violets Medikamentenabhängigkeit und ihre vollkommen schrankenlose Grausamkeit ihren Mitmenschen gegenüber bricht sich immer mehr Bahn. Ihre Töchter buhlen einerseits um ihre Aufmerksamkeit und können sie andererseits kaum ertragen. Die Jüngste, Karen (Friederike Kempter), kommt mit ihrem neusten Verlobten angereist und plappert sich ihr eigenes Leben mit aufgesetzter Fröhlichkeit in einem fort schön, um nur ja selbst daran zu glauben.

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Beverly Weston ist tot. Der Sheriff überbringt die traurige Nachricht und die Familie ist gezwungen, während der Trauerzeremonien noch länger beieinander zu bleiben. Außerdem muß die zukünftige Pflege der Mutter geklärt werden. Ivy ist nicht bereit, weiter die alleinige Pflegerin zu sein und nun brechen auch zwischen den sich vollkommen fremden Schwestern Ressentiments aus. Die Familie implodiert.

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Tracy Letts Broadwaystück, auch sehr erfolgreich verfilmt, wird unter der Regie von Ilan Ronen zur Zeit am Theater am Kudamm gezeigt, eine Santinis Production. Das Stück ist großartig und mitreißend, wenn auch schmerzhaft anzusehen. Es ist oftmals boshaft witzig, aber oft bleibt einem das Lachen dann im Hals stecken. Alle Mitwirkenden brillieren in ihren Rollen, vor allem die Frauenriege, die Mutter und Töchter spielt. Sie lieben, hassen und fluchen voller Innbrunst, zerfetzen sich gegenseitig und legen alles frei, was seit Jahren verschüttet zu sein scheint. Sehr, sehr sehenswert!

Besuchte Vorstellung: 7. November 2015