Cirque Rouge im Wintergarten Varieté

Ein Hauch von dem Glamour vergangener Zeiten hängt ja sowieso immer über dem wunderschönen Wintergarten Varieté. Gestern Abend war es aber wieder einmal ganz besonders der Fall, als der Cirque Rouge aus Wien zu Besuch war. Das einzige Burlesque Theater Österreichs ist auf Tournee und machte dort Halt, wo Glitzer, Federn und High Heels in Berlin daheim sind.

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Kalinka Kalaschnikow, Mitglied des Cirque Rouge der ersten Stunde, ist nun außer eine der Hauptattraktionen auch Veranstalterin des Abends. Die Reise mit dem Orient Express beginnt in Paris vor dem Moulin Rouge, Reisende hasten in letzter Sekunde an Bord und King D und seine reizende Begleitung beginnen uns gesanglich durch den Abend zu führen. Er hat einen schmelzenden Sinatra-Ton, sie eine süße und gefällige Stimme, die leider später bei einem frechen deutschsprachigen Gassenhauer nicht ganz so gut passt. Dafür glänzt sie bei einem neckischem Song wie „Baby, It’s Cold Outside“ umso mehr.

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Prächtige und ausgefallene Kostüme sowie wunderbar getimte Tanzauftritte erwarteten uns bei den drei Burlesque-Tänzerinnen des Abends, allen voran Lada Redstar, die meine große Favoritin ist. Sie ist nicht nur wunderschön, mit einer reizenden und aufregenden Sanduhrfigur, sondern auch noch sehr witzig und ein echtes Showtalent! Extra aus London für diese Show eingeflogen war Vicky Butterfly, die eine Berühmtheit in der Burlequeszene ist und mit einem grandiosen Lichtspiel-Auftritt den Abend rockte. Großes Finale war dann der Elefantenauftritt der federnbewehrten Kalinka. Der Abend war wunderbar abwechselnd gestaltet, mit zwei artistischen Intermezzi, einmal von Goldjungen Carlo Josef und einmal von einem tanzenden Sternchen. 20er Jahre Flair brachten Mr. und Mrs. DoubleTrouble mit Charleston und Swingtänzen in stilvoller Kleidung ein.

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Insgesamt ein sehr schöner Abend wie aus einer anderen Zeit, frech und frivol, glamourös und schillernd. Einzig die nicht ganz perfekte Musik war für mich ein kleines Haar in der ansonsten glitzrig-guten Suppe.

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Mit Jeans in die Oper

Ich gehe gern und viel weg. Ins Theater, ins Kino, in Shows, Ausstellungen, alles Mögliche. Aber manchmal wird es einem wirklich nicht leicht gemacht. Nicht von den Künstlern. Sondern vom Publikum!

Gestern zum Beispiel. Gestern war ich in einer Burlesque-Show. Frauen haben sich ausgezogen, um das mal ganz grob und vereinfacht zu sagen. Aber natürlich ist niemand auf die Bühne gepoltert und hat die Klamotten abgeworfen. Nein, es war Tanz, es war Show, es war Flirt. Sinnlich, erotisch. Langsam, mal verschmitzt, dann wieder fordernd. Aber eben langsam. Und das schien das Publikum nicht genug zu fordern. Es gab ein konstantes Gemurmel, zwei ältere Damen an meinem Tisch unterhielten sich sogar laut und angeregt.

Nun kann man natürlich sagen, es war ja kein Theaterstück, man musste keiner Handlung folgen, warum sich also aufregen? Weil ich eben in eine Show gehe, um sie zu genießen! Weil ich mich konzentrieren will, eintauchen, einfühlen. Und ich verstehe nicht, warum andere Leute das anscheinend nicht wollen. Warum ihnen die zwei Stunden, die eine Show oder ein Theaterstück dauert, schon zu viel sind! Warum man es als erwachsener Mensch nicht schafft, in dieser Zeit mal nicht zu simsen, zu posten, zu reden oder zu fotografieren! Immerhin hat man sich doch entschieden, dort hinzugehen. Man wollte also seine Freunde, Familie oder sonst wen dorthin mitnehmen und nicht in einem gemütlichen Restaurant essen und dabei quatschen. Man hat Eintritt bezahlt! Selbst wenn einem die anderen Gäste und deren Genuss egal sind, sollte einem doch zumindest das eigene, ausgegebene Geld wichtig sein, oder?

Mal ganz abgesehen von den Künstlern auf der Bühne. Vor kurzem erst habe ich von einem Künstler gelesen, in dessen Vorstellung sich ein Gast erhob und seelenruhig hinausging. Aus einer der vorderen Reihen. Zwei Minuten vor Ende. Mitten in den ausschlaggebenden Schlussmonolog. Der aus dem Konzept gebrachte Künstler murmelte noch verwirrt, es seien doch nur noch zwei Minuten! Aber eben zwei Minuten zu viel.

Das passiert jeden Abend, überall in Berlin. Der Vorhang fällt und die ersten Gäste sind schon längst auf dem Weg zur Garderobe. Wenn die Auftretenden wieder auf der Bühne erscheinen, um sich ihren Applaus abzuholen, dann sehen sie nicht selten auf einen Haufen im Aufbruch begriffene, plaudernde Gäste. Schlussapplaus? Lohn der Schauspieler? Keine Zeit!

Pünktlich erscheinen ging ja auch schon nicht, dafür muss man aber auch umso schnell wieder los. Keine Zeit, keine Zeit. Auch nicht für Kultur. Die muss in einfachen und leicht zu konsumierbaren Häppchen serviert werden.

Manchmal denke ich, vielleicht würde eine Kleiderordnung helfen. Ich meine, Berlin ist dafür bekannt, locker und lässig zu sein. In Jeans in die Oper? Kein Problem! So richtig schick macht sich niemand mehr für einen Abend im Theater oder in der Oper. Das ist einerseits toll. Aber anderseits wäre das vielleicht ein Anreiz, um aus einem solchen Abend wieder etwas ganz Besonderes zu machen. Mit der entsprechenden Garderobe und dem entsprechenden Benehmen. Und das Handy bleibt daheim!