Frau Luna – Operette von Paul Lincke – Tipi am Kanzleramt

150 Jahre alt würde er im November 2016 werden: Paul Lincke, der Vater der Berliner Operette. 1899 wurde im Berliner Apollo Theater seine „burlesk-phantastische Ausstattungsoperette“ Frau Luna mit großem Erfolg uraufgeführt. Es folgten diverse Neubearbeitungen, Musikstücke wurden hinzugefügt, der Stoff wurde auch mehrmals verfilmt. Als Jubiläumsfeier, Hommage und Berlinliebeserklärung gleichermaßen haben nun die Bar jeder Vernunft und das Tipi am Kanzleramt gemeinsam mit der Crème de la Crème ihrer Künstlerriege die leicht angestaubte Operette aus der Kiste gekramt, ordentlich auf Hochglanz poliert und mit viel Glitzer bestäubt.

 

Berlin, um die Jahrhundertwende, ein kleines Mansardenstübchen: Fritz Steppke (Benedikt Eichhorn), ehemals Mechaniker, nach einer kleinen Erbschaft nun Erfinder, träumt mit seinem besten Kumpel Lämmermeier (Thomas Pigor) von einem Flug zum Mond. Vermieterin Pusebach (Christoph Marti) hat für derlei Sperenzchen allerdings keinen Sinn. Kurzerhand wirft sie Steppke aus dem Haus und verbietet ihm außerdem den Umgang mit ihrer Nichte Marie (Sharon Brauner), mit der er verlobt ist. Das er auch Pusebachs Bräutigam Pannecke (Max Gertsch) in sein Mondabenteuer mit hineinziehen will, das schmeckt der resoluten Dame ganz und gar nicht! Nachdem ihr vor kurzem erst ein Verehrer abhanden kam, hat sie vor, diesen ganz besonders fest zu halten, komme was da wolle! Und so findet sie sich auch, nur wenige Stunden später, als blinder Passagier außen an Steppkes Mondgefährt wieder, denn beim Versuch, ihn aufzuhalten, wurde sie einfach mitgerissen!

Indes, auf dem Mond: Theophil (Tobias Bonn), der Haushofmeister des Mondes, beaufsichtigt die Mondelfen beim Putzen des Mondgestirns. Er unterhält sie mit Geschichten von seinem letzten Abenteuer auf Erden: Im Berliner Tiergarten traf er auf diese Frau… Ehe er seine Geschichte beenden kann, stürzt bereits Stella (Anna Mateur) heran, seine Verlobte und außerdem die Zofe von Frau Luna. Die ganze Mondgesellschaft ist in heller Aufregung, Mars (Gert Thumser) und Venus (Cora Frost) haben ihren Besuch angekündigt. Und auch Frau Lunas langjähriger Verehrer Prinz Sternschnuppe (Gustav Peter Wöhler) kommt auf seinem Mondmobil hereingeschneit. Leider hat seine Holde so gar keine Zeit für ihn, denn mittlerweile ist der überraschende Besuch aus Berlin auf dem Mond eingetroffen! Und Steppke und Co. bringen eine ganz schöne Unruhe mit sich. Vor allem als Frau Pusebach in Theophil ihren abhanden gekommen Verehrer erkennt! Und Stella sich in Steppke verguckt! Und Frau Luna ebenfalls Interesse bekundet…

Jede Menge Liebesverwicklungen auf dem Mond! Und all das mit betörenden Glitzerkostümen, Berliner Schnauze vom Feinsten und so vielen schmissigen Gassenhauern, dass es eine reine Freude ist! Es ist Regisseur Bernd Mottl und seiner buntgemischten Crew von Berliner Topkünstlern gelungen, dem Zuschauer das schöne nostalgische Gefühl einer lustigen Operette von anno dazumal zu geben, aber gleichzeitig ganz modern zu sein. Es glitzert, funkelt und leuchtet nur so auf der Bühne des Tipi, wenn die großartigen, unsterblichen Musikstücke wie „Schlösser, die im Monde liegen“ und natürlich „Das macht die Berliner Luft“ erklingen. Und wenn auf der Bühne ausschließlich hochkarätige Künstler stehen – was soll schiefgehen? Auch die süßen Mondelfen/Polizisten/Chorsängerinnen sind eine Augenweide und Ades Zabel als Fräulein Groom? Das i-Tüpfelchen!

Unbedingt anschauen. Eine Leib und Magen Veranstaltung, die einfach glücklich macht. Hier stimmt wirklich alles. Perfekte Herbstwetterunterhaltung.

Mehr Infos und Karten gibt es hier.

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Hier noch ohne funkelnde Sternenkostümierung: Die Frau Luna Crew!

 

 

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Sissi -ExperiDance – Budapester Zigeuner Symphonieorchester -Admiralspalast

Ich habe mich einfach mal überraschen lassen, von „Sissi“, aufgeführt von ExperiDance. Ich hatte überhaupt keine Vorstellung davon, was mich auf der Bühne erwarten würde. Sissi war für mich vor allem immer die monumentale Filmreihe mit Romy Schneider zu Weihnachten. Bis ich vor kurzem in dem Musical „Elisabeth“ auch die düstere Seite der Ungarischen Königin und Österreichischen Kaiserin erleben durfte. Daher mein Interesse für diese Tanzadaption der weltberühmten Geschichte um die schöne Adelige mit dem endlos langen Haar.

In dieser Show nun ist alles eine Mär von romantischen Verwicklungen, es könnte auch um jeden anderen Adeligen und jede schöne junge Königin in einer Grimmschen Erzählung gehen, das spielt eigentlich keine Rolle. Da die Geschichte durch Tanz, Mimik und große Gesten erzählt wird, besteht sie aus einfachen und aussagekräftigen Szenen. Zunächst sehen wir einen schicken jungen Adeligen (Norbert Patonai), etwas grimmig weist er nach und nach jede Frau des Hofes ab, keine der hübschen Damen gefällt ihm. In der Ferne erahnt man bereits Sissi (Anna Dóra Lázár), ein Brief kündigt sie an. Trotzdem lässt sich der stolze Mann auf ein Techtelmechtel mit einer schönen Zigeunerin (Veronika Morvai) ein, die ihn inbrünstig antanzt. Just als die Beiden sich leidenschaftlich küssen, betritt die Königin den Thronsaal und erstarrt geschockt. Die Zigeunerin flieht beschämt, die Königin ist verständlicherweise tief verletzt, der Graf reagiert arrogant.

Stolz und anmutig versucht die Königin daraufhin, das beste aus der Situation zu machen und die Nebenbuhlerin auf elegante Weise aus dem Weg zu räumen: sie kleidet sie neu ein und stellt sie dem Hof vor. Die Männerwelt ist natürlich entzückt und ein schneidiger junger Recke (Dávid Benkő) ist ganz besonders angetan. Dummerweise lässt der Graf sich nicht so einfach ausbooten, auch nicht, als das Zigeunermädchen sich seinerseits in den jungen Herzog verliebt. Bevor es ein märchenhaftes Happy End geben kann, kommt es zum Kampf auf Leben und Tod!

Die Tanzgruppe ExperiDance wurde 2000 gegründet und möchte seither unter der Leitung von Sándor Román Ballett und Ungarische Folklore vereinen. Und das gelingt auch, gerade beim Erfolgsstück Sissi ganz hervorragend. Das Budapester Zigeuner Orchester, das mit auf der Bühne agiert, spielt bekannte Stücke in schneller, unvergleichlicher Csárdás-Manier, so das es eine richtige Freude ist! Hacken knallen immer wieder auf den Tanzboden, die Röcke wirbeln wild im Kreis, Klatschen, Pfeifen und Rufen durchschneidet die Luft und der wilde Rhytmus geht automatisch in die Beine! Dazu eine romantische Liebesgeschichte, ein sturer Mann, eine schöne und kluge Frau – perfekt! Ein sehr ungewöhnlicher Tanzshow-Abend, wie ich ihn so noch nicht erlebt habe. Mal etwas ganz Anderes!

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Flic Flac – The Modern Art of Circus – Höchststrafe – Zeltstadt am Zoo

Ich liebe Artistik. Ich liebe New Circus. Das ist wohl kein Geheimnis. Hier in Berlin ist es auf jeden Fall das Chamäleon Theater, das ich am ehesten empfehlen würde und in dem mich die Shows besonders begeistern. Aber natürlich müssen sich diese Shows den Gegebenheiten des Theaters und der Bühne anpassen.

Daher ist der Flic Flac Circus durch seine schiere Größe prädestiniert für Acts, die größer, schneller, lauter und krasser sind. Flic Flac ist eine Show der Superlativen. Jede einzelne Nummer ist gefährlicher, spektakulärer und aufsehenerregender als die vorherige. Und damit meine ich nicht nur die Motorrad Stunts, für die der Circus berühmt ist, sondern auch die außergewöhnlichen Artistiknummern. Ich habe 2013 das vorherige Programm des Circus gesehen, damals war die Zeltstadt in der Nähe des Hauptbahnhofes erichtet worden und ich war vollkommen begeistert!

Nun ist Flic Flac endlich wieder in Berlin, im Gepäck das neue Programm „Höchststrafe“, das am 20. Oktober seine Berlinpremiere feiert und danach bis in den Dezember hinein hier zu sehen sein wird. Ich hatte die Chance, bei einer der Previews dabei zu sein und war wieder vollkommen hin und weg! „Höchststrafe“ spielt, wie man es schon ahnt, in einem Gefängnis. Die Story zieht sich als roter Faden durch alle Nummern, die Artisten und Auftretenden sind, bis auf eine einzige Ausnahme, in abgewrackte Gefangenenkleidung gekleidet. Es gibt einen großen Käfigaufbau wie aus dem Video zu Elvis‘ Jailhouse Rock, in dem sich die Liveband befindet.

22fc4187d240c075a83c8d71f9427c32Nach einem Aufruhr auf dem Gefängnishof werden die Insassen von den Wärtern zurück in ihre Zellen getrieben, nur zwei Gefangene führen ihren „Kampf“ weiter: Dima & Dima, die Partnerakrobatik der Sonderklasse zeigen. Irina Rizaeva sitzt wie Harley Quinn in einem gläsernen Käfig, nur trinkt sie nicht Espresso sondern jongliert rasend schnell mit leuchtend pinken Bällen.

 

Laura Miller ist eine fliegende Wassernixe, die auch das Feuer nicht scheut. Ein atemberaubender und sehr sexy Anblick, ebenso auch Anastasia Masur, die gelenkig und stark wie eine Schlangenfrau Equilibristik auf einem Polizeiwagen zeigt. Viktar Shainoha nutzt die ganze gigantische Größe des Flic Flac Zeltes für seine grandiose Darbietung an den Strapaten. Jeder einzelne Artist ein absoluter Könner seines Faches! Man sieht im Publikum nicht wenige Hände, die geschockt vor Münder geschlagen werden.

Weil eine Besonderheit die nächste jagt, ist es schön, wenn das Tempo auch manchmal gedrosselt wird. Einmal ist es der Clown/Tänzer/Jongleur Patrick Lemoine, der einzige Auftretende ohne Gefängniskluft, der mit viel Charme und Witz das Publikum zu fesseln weiß. Und einmal das Artistikduo Dmytro Turkeiev und Julia Galenchyk, die eine zarte Liebesgeschichte in luftiger Höhe an den Strapaten zeigen. Durch die Musik und die sanften Gesten entschleunigt die Nummer ganz wunderbar, sodass man gewappnet ist, für das Todesrad mit waghalsigen Artisten, die selbst Seilspringen auf den Außenwänden des sich rasant drehenden Gefährts. Man möchte gleichzeitig die Augen schließen und doch immer hinschauen!

Und die wagemutigen Motorradfahrer mit ihren grandiosen Stunts. Sie springen scheinbar direkt aus den Zuschauerreihen auf eine riesige Rampe in der Manege und haben dabei im Flug manchmal nur die Fingerspitzen an ihrem Motorrad! Unglaublich! Atemberaubend! Ein wahnsinniges Adrenalinhigh, selbst wenn man nur zuschaut! Bei der Nummer auf dem Drahtseil allerdings, bei dem nicht nur Sprünge, Salti und rückwärts-laufen in schwindelerregender Höhe angesagt sind, sondern auch eine Pyramide aus sieben Mann, da ist mir wirklich ein Schauer über den Rücken gelaufen! Ich hatte sicher viel mehr Angst als die todesmutigen Leute auf dem Seil!

Nicolai Kuntz zeigt Diabolo Kunststücke, natürlich besonders rasant und – wie sollte es auch anders sein – besonders hoch, schnell und weit. Und er kann, mit Hilfe seines Schwungtrapezes auch noch fliegen! Dandino und Luciana sind Rollschuhkünstler, was sie darbieten, das habe ich wirklich noch nie gesehen! Auf einem kleinen Podest dreht sich Dandino blitzschnell, während Luciana, nur mit ihren Knöcheln an ihm hängend, wie eine menschliche Schleuder herumgewirbelt wird! Noch schneller im Kreis geht es dann nur noch im Globe of Speed, der riesigen Metallkugel, in der sich tatsächlich ZEHN!! Motorradfahrer bewegen! Zehn! Weltrekord. Man kann kaum hinsehen.

Eine grandiose, unglaubliche, atemberaubende Show. Nicht nur ist jede einzelne Nummer sehr sehenswert, das ganze Drumherum ist unglaublich professionell und fachkundig gestaltet. Von den Multimedia Toiletten bis hin zu der sehr guten Punk-Liveband und der kleinen Geschichte, die den ganzen Abend zu einem Ganzen zusammenführt. Unbedingt hingehen! Nicht verpassen! Diese Show ist auch etwas für den ausgehmuffeligen Partner und den rebellischen Teenager.

Weitere Informationen und Karten hier. Die Zeltstadt befindet sich direkt hinter dem Bahnhof Zoo, Anreise mit den Öffis also superleicht!

 

 

From Moskow to Berlin, Deutsch-Russische Travestie Gala, Wintergarten Varieté

Auf fünfundzwanzig Jahre Städtefreundschaft blicken Berlin und Moskau zurück. Und deswegen und auch trotz und gerade wegen der Schwierigkeiten, denen LGBTQs sich seit den neuen Gesetzen von 2013 in Russland ausgesetzt sehen, feiert der Wintergarten eine große Travestie-Gala mit Pomp, Glitter, grandiosen Roben und viel Musik.

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Ikenna Amaechi

Die besten Entertainer von Berlin treten an und aus Moskau kommt die bekannteste Drag Queen Russlands: Zaza Napoli. Begleitet wird sie von Asya Aseeva aus Kasachstan, sie beide sind zum ersten Mal Gast in Berlin. Zunächst betritt aber eine der Hauptorganisatorinnen des deutsch-russischen Abends die Bühne: Ikenna Amaechi, die wunderbare Berliner Version der leider viel zu früh verstorbenen Whitney Houston. Ich konnte sie leider niemals live erleben, aber mit Ikenna hat man als Berliner quasi The Next Best Thing in allernächster Nähe! Ihre Stimme ist einfach wunderbar und sie singt die zeitlosen schönen Lieder der RnB und Soullegende, so dass man glauben könnte, die Diva stehe selbst auf der Bühne. Vom Aussehen her ähnelt Ikenna der Houston ebenfalls, allerdings der makellosen Whitney, als sie auf der Höhe ihrer Karriere war, lange vor Bobby Brown.

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Jack Woodhead

 

Jack Woodhead habe ich mittlerweile zu den verschiedensten Anlässen erleben dürfen, zum Beispiel natürlich bei meiner Lieblingsshow „Der helle Wahnsinn“, für die er nicht nur auf der Bühne stand, sondern auch alle Lieder schrieb (!) und beim Trip, gemeinsam mit dem unglaublichen Gummimenschen David Pereira. Mr. Woodhead ist immer laut und schrill und frech und witzig und ganz im Allgemeinen fabelhaft. Ob er nun Schwänke aus seinem Sexleben erzählt oder  anzügliche Lieder schmettert – er ist immer wunderbar!

Sheila Wolf habe ich erst vor kurzem zum ersten Mal live erlebt, sie hat im Tipi am Kanzleramt die grandiose Vaudeville Variety Burlesque Revue auf die Beine gestellt. Die nächste Ausgabe dieser wunderbaren Show wird im Wintergarten Varieté stattfinden! Ich bin schon sehr gespannt. Sheila ist ein Garant für clevere, hintergründige Burlesque-Szenen. Ob ein sexy Popeye mit Sushi oder eine wandelbare Mona Lisa…

Zaza Napoli betört sowohl mit russischen Popsongs als auch mit ihren selbstgenähnten und sehr extravaganten Abendroben. Gelernter Schneider – das sieht man!  Und auch Kollegin Asya Aseeva besticht mit schönen Kleidern, während Cristina aus Amsterdam vor allem eines hat: eine gewaltige Stimme!

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Zaza Napoli

Ich gebe zu: ich kannte sie vorher nicht. Aber im Publikum erhebt sich wildes Schreien und Klatschen, als Cristina angesagt wird. Kein Wunder, sie hat nicht nur eine unglaubliche Bühnenpräsenz und eine lockerleichte Art, ihre Zuseher um den kleinen Finger zu wickeln, sie hat auch eine schöne, volltönende Stimme, mit der sie die bekanntesten und beliebtesten Zarah Leander Hits schmettert. Bald singt der ganze Saal mit!

Insgesamt ein toller Abend, abwechslungsreich, bunt und fröhlich. Leider musste ich etwas früher gehen und konnte das große Finale nicht erleben – aber um 23 Uhr musste ich einfach die Segel streichen, immerhin musste ich am nächsten Morgen wieder früh raus.

Auf jeden Fall sollte jeder unbedingt einen Blick auf das Programm des prächtigen Wintergarten Varieté werfen, hier. Ende des Monats kann man den allerletzten Trip mit David Pereira erleben. Nächsten Monat gibt Ikenna ein ganzes Konzert! Am 29. November, gleich rot im Kalender anstreichen! Und im nächsten Jahr kommt gar Cristina aus Amsterdam für einen ganzen Zarah Leander Abend nach Berlin.

 

Piaf – Mon Amour, Christin Marquitan, wilde Oscar

Seit ich zum ersten Mal im wilde Oscar in der Niebuhrstraße war, hat sich dort einiges geändert. Die etwas einfachere, kantinenmäßigere Ausstattung wich einer schicken Club / Lounge Atmosphäre mit gemütlichen Polsterecken und dunklen Akzenten. Auch die Speisekarte mauserte sich, von Snacks wie Kartoffelecken mit Dip (die übrigens toll waren!) hin zur vollständigen regionalen Restaurantkarte. Zur Zeit ist die Karte, dem Monat geschuldet, bayrisch-österreichisch angehaucht. Zur Feier des Tages bestellen wir ein komplettes Menü, die vegetarische Variante für 14,50 Euro. Die besteht aus einer Graupensuppe mit Petersilienhaube als Vorspeise, als Hauptgang gibt es Schwammerlragout mit Semmelknödeln und abgerundet wird es dann mit einer Bayrisch-Creme mit Waldbeerensauce als Dessert. Unschlagbar guter Preis für ein sehr gutes Menü, finde ich!

Überhaupt ist es immer wieder sehr schön im wilde Oscar, ich bin dort bisher noch nie enttäuscht herausgekommen. Ob Claudio Maniscalco mit seinen wunderbaren Programmen oder Roy Horn, der die Marlene gibt, es gibt dort immer wieder Perlen der Berliner Abendunterhaltung zu entdecken, in schöner, gemütlicher Umgebung und mit sehr nettem, flinkem und aufmerksamen Service.

Und nun reiht sich auch Christin Marquitan in diese Auflistung der wunderbaren Abende ein. Die Sängerin, Schauspielerin und Synchronsprecherin hat ein Programm als Hommage an die große Chansonette Edith Piaf erarbeitet, in dem sie nicht nur fabulös die beliebtesten und berühmtesten Lieder der Französin zum besten gibt, sondern in dem sie auch ein wenig über den Spatz von Paris erzählt. Diese Mischung ist ihr ganz hervorragend gelungen, wie ich finde. Außerdem klingt aus jedem Satz, aus jeder gesungenen Zeile die Liebe und die Bewunderung heraus, die Frau Marquitan für die Piaf hegt. Es war von Beginn bis zum Ende eine tiefe Verbeugung vor dem Lebenswerk der großen Chansonette. Die sorgfältig ausgewählten Liedzeilen und die kurzen Biografiehappen zeichnen ein klares Bild der berühmten Sängerin, ohne das man mit zu viel Informationen überhäuft wurde.

Ein insgesamt perfekter Abend. Ich war sicher nicht die einzige Person im Publikum, die einige Male angestrengt nach oben schauen musste, um berührte Tränen zurückzuhalten. Minutenlanger Applaus und der Wunsch nach drei Zugaben waren der Dank für Frau Marquitan! Sie hat sich auch vollkommen vorausgabt und Herz und Seele in diese Performance gelegt, dass sah und hörte man. Am Klavier begleitet wurde Frau Marquitan von Stephan Sieveking.

Ein Blick in Speisekarte und auf den Spielplan des wilde Oscar lohnt sich sehr! Mehr Infos und Karten gibt es hier.

 

Der Geizige – Pfefferberg Theater

Gestern war ich zum ersten Mal überhaupt im Pfefferberg Theater (Hexenberg Theater). Seit meinem letzten Besuch auf dem Pfefferberg, damals wegen einem Rockclub, der sich irgendwo im hinteren Bereich des Areals befand, ist augenscheinlich sehr viel mehr Zeit vergangen, als ich gedacht hatte. Alles ist mittlerweile komplett renoviert und ausgebaut, hat einen neuen und sehr viel schickeren Anstrich bekommen. In den majestätischen Bäumen vor dem bekannten Restaurant Tauro hängen bunte Leuchtbälle, der Gastraum der an das Theater anschließenden Brauerei ist gut gefüllt. Kein Vergleich zu dem eher maroden, recht leeren Platz, den ich in Erinnerung hatte.

Das Theater selbst hat hübsche, bequeme Plüschsitze und man hat von überall (freie Platzwahl) einen sehr guten Blick auf die kleine Bühne. Diese ist für die Vorstellung von „Der Geizige“ wie ein etwas in die Jahre gekommenes Puppenhaus ausgestattet mit einstmals prächtigen gestreiften Tapeten, die nun von der Wand fallen. Auch das Plüschsofa hat schon bessere Tage gesehen. Flecken auf der Tapete erzählen von bereits lange verkauften Gemälden.

Und gleich zu Beginn wird uns der Charakter der Hauptperson, Harpagon, der Geizige (Christoph Bangerter) sehr deutlich gemacht: bei flackerndem Licht, als würde man einer uralten Filmvorführung zusehen, stolpern die Akteure wie aufgezogen über die Bühne und Harpagon hängt an alles ein Preisschild. Selbst die geliebten Spielzeuge seiner Kinder bekommen ein Schildchen, die Gefühle seiner Kinder lässt er dabei vollkommen außer Acht. Dabei haben seine Kinder doch just ihre Gefühle entdeckt! Elise hat dem Verwalter des Vaters, Valére (Vlad Chiriac), die Ehe versprochen. Und Söhnchen Cléante (Andreas Klopp) hat die neue Nachbarin Marianne (Friederike Nölting) zwar erst ein einziges Mal gesehen, ist aber trotzdem bereits in Liebe entbrannt und plant, die Holde zu ehelichen. Dumm nur, dass keines der Kinder mit den Plänen des Vaters rechnet. Der hat nämlich bereits lukrative Ehen für seine beiden Sprösslinge ausgehandelt und will die Geschäfte nun schnell über die Bühne bringen, um auch selbst wieder in den Hafen der Ehe schiffen zu können – mit niemand anderem als der schönen jungen Marianne!

Der Hausdiener (Torsten Schnier) mischt sich ein um Cléante behilflich zu sein, Frosine (Carsta Zimmermann), eine Heiratsvermittlerin, hat ihre ganz eigenen Pläne. Und schon geht ein wilder Gefühlsreigen los, der sich eigentlich vor allem um eins dreht: das liebe Geld!

Wilde Jagden über die Bühne, gekonnte Slapstickeinlagen, überraschende Einbeziehung des Publikums: die Pfefferberg-Version des Moliérestoffes ist rasant, aktuell und witzig. Kompakt auf etwa 75 Minuten herunter gebrochen, ein schöner Spaß mit durchweg grandiosen, sehr farbenfrohen Kostümen und spielfreudigen Akteuren. Sehr zu empfehlen, ins Pfefferberg Theater werde ich jetzt auf jeden Fall häufiger gehen.  Zur Zeit steht auch Hamlet auf dem Spielplan und am 5. November ist dann die große Eröffnung des „Glaspalast“, in dem es Märchen für Kinder und Erwachsene geben wird!

Mehr Infos, Spielplan und Karten hier.

Der Nussknacker – inszeniert von Nacho Duato – Deutsche Oper Berlin

In den Läden gibt es schon Lebkuchen und Spekulatius. Erste Geschenke für Weihnachten werden bereits gehortet und versteckt. Aber für mich hat es sich bisher noch gar nicht nach Herbst angefühlt, geschweige denn nach Vorfreude auf Weihnachten. Schließlich waren vor einigen wenigen Tagen noch beinahe 30 Grad, wer denkt denn da schon an Adventskalender?

Aber dann saß ich in der Premiere von „Der Nussknacker“, inszeniert und choreographiert von Nacho Duato. Und plötzlich fühlte sich Weihnachten gar nicht mehr so fern an. Und auch gar nicht mehr wie Stress. Sondern nach strahlenden Kinderaugen, duftendem Gebäck und Magie in der Luft. Nach Familie und Gemütlichkeit, nach Schönheit und Wundern.

Das lag zum Teil natürlich an der altvertrauten Musik, wer hatte nicht als Kind eine CD, eine Kassette oder gar eine Platte von „Der Nussknacker“? Und natürlich liegt es an der zeitlos schönen Geschichte um Clara und ihren heldenhaften Nussknacker. Und Nacho Duato hat das Märchen zauberhaft auf die Bühne gebracht. Altbewährtes mischt sich mit Modernem und die hervorragenden Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballett Berlin tun ihr übriges, um einen zauberhaften Abend zu  gewährleisten. Iana Salenko, die, klein und zart und anmutig wie sie ist, die Clara nahezu perfekt verkörpert, schwebt makellos über die Bühne und der Nussknacker, ihr Prinz Marian Walter, ist genauso verwegen, stark und hübsch, wie sich das wohl jede Prinzessin wünscht.

Auch die Bühnenausstattung (Jérôme Kaplan) und die Kostüme sind betörend schön. Kaplan hat genau die schwierige Gradwanderung zwischen geliebter Tradition und Moderne hinbekomme, die Bilder, die entstehen, sind einerseits altbekannt und tief im Herzen verwurzelt, aber andererseits neu und strahlend, als bekomme man die Geschichte zum allerersten Mal erzählt. Ich hatte einen dicken Kloß im Hals als leise der Schnee um Clara und ihren Prinzen zu rieseln begann, während die Schneeflocken wie Sterne am Himmel tanzten, während im Hintergrund die Mädchen der Singakademie Berlin erklangen. Magisch!

Auch die Traumreise der kleinen Clara ins Zauberschloss der Zuckerfee ist wunderschön, ein zuckersüsser Mädchentraum in rosa und mit gigantischem Cupcake im Hintergrund. Sehr fantasievoll inszeniert und sehr schön anzusehen.

Der spanische Tanz findet vor einem riesigen roten Fächer statt, aber man kann kaum den Blick von der rassigen Tänzerin in ihrem atemberaubenden Kleid nehmen! Sie wickelt ihren Partner, wenig überraschend, temperamentvoll um den kleinen Finger.  Der arabische Tanz ist eine Schlangenfrau, wunderschön, verführerisch und gefährlich, mit ihren beiden ergebenen Dienern. Fröhlich und temperamentvoll dann der russische Tanz mit vier stattlichen Männern und der chinesische Tanz, bei dem Drosselmeier (Rishat Yulbarisov) die Verantwortung für die überraschende Bühnendeko übernimmt.

Ein sehr schöner Ballettabend für die ganze Familie! Wer sich die Vorweihnachtszeit oder das graue Wetter versüßen möchte, der sollte diese Inszenierung auf keinen Fall verpassen!

Mehr Informationen und Karten gibt es hier.