Chuzpe von Lily Brett- Theater am Kurfürstendamm

Ruth (Ulrike Folkerts) ist eine erfolgreiche New Yorker Unternehmerin. Sie führt eine kleines Büro und schreibt dort hauptberuflich Briefe für gutsituierte Menschen. Gratulationen zur Scheidung, Kondolenzschreiben zum Tod eines geliebten Haustiers – Ruth schreibt die entsprechenden mitleidigen und blumigen Worte nieder.

Ihr Leben ist recht wohlgeordnet, ihr einziges Problem ist (zumindest bisher) die Abwesenheit ihres Ehemannes, der Künstler ist und gerade aus beruflichen Gründen für einige Monate nach Australien gefahren ist. Allerdings stehen ihr einige einschneidende Veränderungen bevor, denn ihr Vater Edek (Joachim Bliese), mittlerweile 87 Jahre alt, beschließt aus Australien zu ihr nach New York zu ziehen. Seine Freunde sind alle tot, er ist einsam und möchte näher bei seiner Familie sein. Und von der ersten Minute an stellt er Ruths Leben auf den Kopf. Auf überaus charmante Art und Weise und immer mit unschuldig fragend aufgerissenen Augen beginnt er, ihre steife Mitarbeiterin Max (Rabea Lübbe) weicher werden zu lassen, bestellt er unnütz viele Büroartikel, um zu „helfen“ und meckert er liebevoll an ihren typisch New Yorker Essgewohnheiten herum. Ruth ist vollkommen aus der Bahn geworfen und auch ihre beste Freundin (Meike Harten), eine gestresste Anwältin, kann ihr da nicht wirklich helfen.

Dabei steht ihr das schlimmste überhaupt erst noch bevor! Edek hat, bei einer Reise ins ehemalige Konzentrationslager Ausschwitz im vorangegangenen Jahr, zwei Damen kennengelernt und ohne Ruths Wissen hatte er seither telefonischen Kontakt zu ihnen. Und nun stehen die beiden bodenständigen polnischen Frauen, Zofia (Angelika Bartsch) und Walentyna (Monika Häckermann) plötzlich bei Ruth im Büro. Sie haben bei einer Greencard Lotterie gewonnen und planen nun bei Edek einzuziehen! Ruth und ihr geordnetes Leben werden vollkommen aus der Bahn geworfen. Verwirrt und bestürzt merkt sie, dass sie die einzige zu sein scheint, die sich an den fröhlichen Rentnern und deren Besonderheiten zu stören scheint. Alle anderen raten ihr nur, sich nicht aufzuregen! Aber wie soll sie sich nicht aufregen, wenn ihr Vater plötzlich plant, mit seinen beiden Freundinnen ein polnisches Klopse-Lokal zu eröffnen?

Eine unheimlich witzige und dabei sehr liebevolle Vater-Tochter Geschichte. Nicht selten sind es nämlich die Kinder, die sich mal entspannen sollten, während die Eltern im Seniorenalter oft lockerer und leichter auf das Leben schauen. Während Ruth besorgt und gestresst an ihren Gemüsesticks knabbert, schmunzelt sich Edek durchs Leben und genießt es in vollen Zügen. Ein unheimlich schönes, herzerfrischendes Stück, die Besetzung passt in ihre Rollen wie die Faust aufs Auge. Vor allem Joachim Bliese als abenteuerlustiger Rentner begeistert und überzeugt. Sehr zu empfehlen!