Tod in Venedig – Benjamin Britten – Deutsche Oper Berlin

Ich bin ein großer Bewunderer von Thomas Mann, er (und seine wunderbare, verschlungene Sprache) haben dafür gesorgt, dass ich die Literatur so sehr liebe. Tod in Venedig ist vielleicht nicht mein Lieblingswerk von Thomas Mann, aber ich wollte auf jeden Fall die Opernversion seiner berühmten und berüchtigten Novelle in der Deutschen Oper nicht verpassen.

Meine erste Oper von Benjamin Britten und auch (glaube ich zumindest) die erste, die ich live auf Englisch erlebt habe. Ein ungewöhnliches Gefühl, wenn man die gesungenen Worte ausnahmsweise tatsächlich versteht, statt sie wie meist üblich auf Italienisch zu hören. Lustigerweise konnte ich sogar besser folgen als bei den deutschen Txten von Wagner, den ich erst vor kurzem, auch in der Deutschen Oper, erleben durfte. Aber zurück zu Tod in Venedig: Das Bühnenbild ist grandios, neben einem gigantischen Bild in einem opulenten Bilderrahmen, in dem Protagonist Gustav von Aschenbach, wie ein großes Abbild der sich abspielenden Geschichte, ungraziös vor sich hin altert, liegt ein riesiger Strauß verwelkter lila Blumen.

Gustav von Aschenbach (Paul Nilon), ein bekannter Schriftsteller, für seine Werke geadelt und schon lange verwitwet, möchte sich aus seinem Umfeld und einem Gefühl der Ruhelosigkeit entfernen und plant einen längeren Aufenthalt in Venedig. Bereits auf der Fähre sieht er sich mit einem älteren Gecken (Seth Carico) konfrontiert, der, übermäßig zurechtgemacht, versucht mit den jungen Männern an Bord mitzuhalten. Von Aschenbach ist peinlich berührt von dieser schamlosen Anbiederei und diesem unrühmlichen Gehabe. Kaum angekommen, fällt ihm jedoch der blutjunge Tadzio auf, dessen engelhafte Schönheit ihn sofort in seinen Bann zieht.

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit beobachtet er fortan den jungen Knaben, der in Begleitung seiner Mutter, einem Kindermädchen und seiner Schwestern Urlaub macht. Ohne jemals wirklich in Kontakt mit dem Jungen zu treten, verfällt er dessen Charme immer mehr und mehr. Und obwohl er sich zu Beginn seiner Reise noch über den nach Jugend und Anerkennung heischenden Gecken empört hatte, so verwandelt er sich doch unwiderruflich selbst in einen. Von einem stoischen und seiner Arbeit vollkommen verschriebenen Mann bis zu einem gefärbten und angemalten Clown steigt von Aschenbach hinab.

Die sommerliche Umgebung wird meisterhaft mit Licht und sich sonnig öffnenden Türen dargestellt. Die großen lila Blumen auf der Bühne sind einerseits Anzeichen von von Aschenbachs Verfall, dienen aber ebenso mal als Pier, dann wieder als Strand und sind den jungen Leuten und dem Urlaubspublikum Bühne und Spielplatz. Sehr sehenswert und vor allem hörenswert. Seth Carico schlüpft in nicht weniger als sieben Rollen! Paul Nilon stellt den alternden und zunehmend verzweifelten von Aschenbach hervorragend dar. Mein Thomas Mann und seine wunderbare, strahlendschöne Sprache, seine verstiegenen Sätze, die man wie Perlenschnüre auseinandernehmen muss, die bleiben dafür leider ein wenig auf der Strecke.

Vorerst kann man Tod in Venedig nun nicht mehr an der Deutschen Oper sehen, dafür gibt es aber am 24. und 26. Mai sowie am 2. Juni wieder Billy Budd zu sehen, ebenfalls von Benjamin Britten. Weitere Information und Karten dafür gibt es hier.

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Autor: Nicole Haarhoff

37, eigentlich Buchhändlerin, aber meist unterwegs ins Theater, ins Varieté, zu Shows oder Ausstellungen.

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