Das Heimatkleid – Grips Theater Podewil

Kirsten Fuchs ist mit Mädchenmeute (Deutscher Jugendliteraturpreis 2016) ein großer Wurf gelungen, ein Buch, das den Ton der Jugend ganz genau trifft und authentisch und spannend wiedergibt. Und total nett und sympathisch ist Frau Fuchs auch noch, bei einer Lesung in unserer kleinen Kinderbuchhandlung durfte ich sie nämlich sogar schon kennenlernen. Kein Wunder also, dass ich mich sehr auf ihr Stück Heimatkleid gefreut habe. Ein Besuch im Grips Theater lohnt sich ja sowieso immer und Katja Hiller ist ein Garant für einen tollen Theaterabend. Ich war mir also bereits im Vorfeld zu 100 % sicher, dass es ein voller Erfolg werden würde und meine Erwartungen wurden erfüllt.

Claire ist eine hübsche, quirlige junge Frau. Sie hat gerade beinahe das komplette Leben ihrer kleinen Schwester Luise übernommen, die für ein Jahr in die USA geht: Wohnung, Hund, sogar Luises Fashionblog soll sie in diesem Jahr übernehmen. Die Schwester hat auch eine ausführliche Gebrauchsanweisung für ihr Leben hinterlassen und einen Karton. Im Karton: Das Heimatkleid – ein Kleid vom Label Heimatkleid, das Claire tragen soll, wenn sie dessen Gründerin trifft und interviewt. Claire hat noch niemals ein Interview geführt und ist entsprechend nervös, aber das Kleid ist hübsch und Gesprächspartnerin Claudia Kappelt nett und zuvorkommend. Sie zeigt und erklärt der jungen Bloggerin ihr Unternehmen und alles klingt gut für Claire: Rohstoffe aus Deutschland, ausschließlich in Deutschland hergestellt, das klingt doch toll. Nachhaltig. Ökologisch! Und sieht auch noch gut aus! Aber noch während des Gesprächs beginnt draußen eine wütende Meute immer lauter „Nazis raus“ zu skandieren. Farbbeutel werden an die Fenster geworfen. Claire ist entsetzt. Warum wird Frau Kappelt als Nazi bezeichnet?

Zurück im Haus ihrer Schwester gehen die Probleme weiter: Ihr attraktiver Nachbar Tom, ein freundlicher, hilfsbereiter Mann, der in seiner Freizeit mit Kindern Basketball trainiert, hat einiges zu sagen, wenn es um diese Partei geht. Diese Partei, die für etwas steht, mit dem Claire nichts zu tun haben möchte. Aber einiges von dem was Tom sagt, das stimmt doch. Und er ist doch so nett, oder? Aber wenn es um den anderen Neuen im Haus geht, den, von dem bisher kaum mehr als der fremdländische Name bekannt ist, dann erscheint Tom plötzlich gar nicht mehr so nett. Eher im Gegenteil…

Katja Hiller spielt die fragende, suchende Claire ganz wunderbar. Mal ein wenig planlos, mal jugendlich sprunghaft, aber dann doch wieder nachdenklich. Obwohl sie ganz allein auf der Bühne steht, mit ihr nur ein überlebensgroßes Bild von „Flocke“, das mal hübsches Haustier und mal bösartiger Jäger ist, füllt sie den ganzen Raum. Ein schlaues, ein spannendes und ein wichtiges Stück, voller Fragen und Aussagen, die uns gerade alle beschäftigen. Die AfD ist vielerorts zweit- oder drittstärkste Kraft geworden… wann ist ein Nazi ein Nazi? Was sollte man eigentlich „doch mal sagen dürfen“? Dieses Stück mit einer Schauspielerin und einem Musiker (Johannes Gehlmann) hat eine unvergleichliche Wucht und ist brandaktuell! Unbedingt anschauen! Unbedingt!

Weitere Informationen und Karten bekommt man hier.

©Nicole Haarhoff, Bilder: ©Jörg Metzner