Jacobowsky und der Oberst – Tragische Komödie – Theater am Kudamm Berlin

1940, Paris, Frankreich. In der Waschküche eines kleinen Hotels verschanzen sich Mitarbeiter und Gäste während eines Fliegeralarms. Die Deutschen rücken vor! Niemand weiß so ganz genau, wo sie sich befinden und was geschehen wird. Die Lage ist ernst, aber nicht aussichtslos – diese Radioaussage beruhigt die Ausharrenden gar nicht. Nur einer versucht das Beste aus der Situation zu machen: Jacobowsky (Marcus Ganser). Der ehemals sehr erfolgreiche jüdische Unternehmer musste mittlerweile schon fünf Mal flüchten, jedes Mal auf abenteuerlicheren Wegen und mit weniger Gepäck. Seine Hoffnung und seinen Optimismus hat er dagegen noch lange nicht eingebüßt. Fröhlich dreht er die Hotelbesitzerin zum Klang der Radiomusik im Kreis. Da stößt ein letzter Gast zu dem kleinen Häufchen Menschen im Keller: Oberst Stjerbinsky (Michael von Au). Die Pferdestaffel des polnischen Offiziers ist aufgerieben, er ist der einzige Überlebende. Das feiert er mit einem leichten Mädchen, im hell erleuchteten Hotelzimmer, was beim Verdunkelungsgebot natürlich die Polizei auf den Plan ruft.

Zwei Welten treffen aufeinander, als diese beiden Männer einander begegnen. Der sanftmütige, fröhliche Jacobowsky, unerschütterlich optimistisch. Der schneidige, stolze Oberst, der gern von Tapferkeit, Heldenmut und Vaterland spricht. Es ist Abneigung auf den ersten Blick, aber das Schicksal schweißt die beiden so unterschiedlichen Männer zusammen: Jacobowsky besitzt einen Wagen, kann jedoch nicht fahren und der Oberst muss dringend an die Küste. Zähneknirschend bildet man eine Fluchtgemeinschaft, zu der auch noch der Offiziersbursche Szabuniewicz (Walter Plathe) und die französische Geliebte des Obersts, Marianne (Ann-Cathrin Sudhoff), gehören.

„Mehr und mehr missfällt mir dieser Jacobowsky!“ – Oberst Stjerbinsky

Recht schnell wird dem Oberst eines klar: in Fluchtsituationen ist dieser Jacobowsky der bessere Mann. Der Oberst, seiner Uniform, seines Stolzes und seiner Würde beraubt, ist auf die Findigkeit und den charmanten Charakter des anderen angewiesen. Auch die zunächst sehr naive und alberne Marianne lernt schnell, sich eher auf den Überlebenswillen von Jacobowsky zu verlassen als auf den Stolz des Obersts. Das ruft natürlich Eifersucht hervor und spitzt die ganze Situation nur noch mehr zu. Erbost fordert der Oberst den Jacobowsky gar zum Duell! Aber dann werden sie jäh unterbrochen. Von der Gestapo…

Ein charmantes Schelmenstück mit feinem Humor ist dem Theater am Kudamm da gelungen, ein Roadmovie gespickt mit tollen Schauspielern, denen ihre Rollen quasi auf den Bauch gepinselt wurden. Marcus Ganser als freundlich-vergnügter Vertriebener, immer noch aufrecht, immer noch voller Lebenslust und voller Liebe für die Menschen – großartig! Auch Michael von Au überzeugt, der stolze und ein wenig arrogante Lebemann und Offizier, der daran knabbern muss, dass mutig Voranreiten in manchen Situationen einfach nicht angebracht ist. Und Walter Plathe ist natürlich wunderbar, als Erzähler der Geschichte und geplagter Offiziersbursche.

Noch bis zum 15. Oktober kann man diese tragische Komödie aus der Feder von Franz Werfel, bearbeitet von Jürgen Wölffer im Theater am Kudamm sehen. Wer nochmal im alten Saal sitzen möchte, ehe es abgerissen wird, dem kann ich diese schlaue Komödie mit Tiefgang nur sehr empfehlen. Weitere Infos und Karten bekommt man hier.

©Nicole Haarhoff, ©Bilder: Oliver Fantitsch