Die Liebe zu den drei Orangen – Sergei Prokofjew – Deutsche Oper Berlin

Am Wochenende war ich gleich zweimal in der Deutschen Oper und habe zwei vollkommen unterschiedliche, doch auf ihre Art beide großartige, Opern gesehen. Es war schwer zu glauben, dass es das gleiche Opernhaus war, so unterschiedlich waren die beiden Vorführungen. Hier mein Bericht zu Tosca, Puccini.

Und am Freitag habe ich Die Liebe zu den drei Orangen gesehen, ein surreales Märchen von Sergei Prokofjew aus dem Jahre 1921. Jeder kennt natürlich Peter und der Wolf, aber diese Geschichte war mir ehrlich gesagt bisher vollkommen unbekannt. Da ich es auch vermieden habe, mir vorher mehr anzulesen, konnte ich mich total überraschen lassen und überrascht war ich, das muss ich sagen!

Denn das Stück beginnt mit einem großen Knall. Schwarzledern gekleidete Chaoten stürzen in den Saal, mit Maschinengewehren bewaffnet nehmen sie die komplette erste Reihe gefangen. Einer der Geiseln muss auf der Bühne kniend die Forderungen der wilden Horde vortragen: ein unterhaltsames Stück möchte man sehen! Und man werde auch nicht davor zurückschrecken, sich einzumischen, wenn es doch zu fade werden sollte! Die Bewaffneten machen es sich in der 1. Reihe bequem, der Vorhang hebt sich. König Treff (Derek Welton) ist verzweifelt. Sein Sohn, der Prinz (Thomas Blondelle), ist ein Hypochonder. Er verlässt sein Bett kaum, wird von unzähligen Wehwehchen und Leiden gequält. Nichts kann den armen Jungen aufheitern. Am Ende seiner Geduld angekommen, bittet König Treff den Spaßmacher Truffaldino (Andrew Dickinson) um Hilfe. Er soll Zerstreuungen, Feste und Orgien für den kranken Prinzen organisieren und ihn wieder zum Lachen bringen. Man möchte um jeden Preis verhindern, dass des Königs Nichte Clarisse (Annika Schlicht) den Thron bekommt. Diese lehnt sich allerdings nicht untätig zurück. Sie tut sich mit Léandre (Noel Bouley) zusammen, des Königs Berater, und verspricht ihm die Ehe, sollte sie Königin werden. Während Truffaldino sich an die Arbeit macht und sein Bestes gibt, um den Prinzen aufzuheitern, vergiftet Léandre ihn mit düsteren Gedichten und schlechter Prosa. So helfen ihm weder Truffaldinos Mätzchen, noch Orgien, er will einfach nicht lachen. Aber Zauberin Fata Morgana (Francesca Mondanaro), eigentlich ebenfalls an des Prinzen Niedergang interessiert, bringt schließlich ungewollt den Umschwung: In einem Handgemenge mit Truffaldino fällt sie auf den Rücken und schlenkert wild mit den Beinen. Das löst bei dem Prinzen endlich den lange erwarteten Heiterkeitsausbruch aus. Wütend verflucht Fata Morgana den lachenden Prinzen: Er soll in unsterblicher Liebe zu drei Orangen entbrennen und niemals ruhen, ehe er sie nicht besitze…

Eine absolut schrille, groteske, witzige und ungewöhnliche Geschichte, wie ich sie noch nie gesehen habe. Spaßmacher, Hexen, Zauberer, Teufel, Prinzessinnen, die ganz große Liebe – hier ist einfach alles drin. Thomas Blondelle gibt einen beeindruckenden Prinzen, zunächst als muckelig-trauriger Dauerkranker, den einfach nichts begeistern kann. Er sitzt in seinem orangen Kinderzimmer (großartige Bühnendeko!!!) mit Bender aus Futurama in Übergröße, Tapete und Schlafanzug mit Antidepressiva geschmückt und jammert. Aber kaum ist er dann in Liebe zu seinen Orangen entbrannt, da wächst er als schmucker ledergekleideter Held über sich selbst hinaus! Derek Welton ist genauso majestätisch und aufrecht, wie man sich das vorstellt und Andrew Dickinson ist in seinem knallbunten Spaßmacheroutfit der perfekte Sidekick für den heroischen Prinzen. Auch die Bösewichte, allen voran die böse Diva Fata Morgana alias Mondanaro und die verkniffene Prinzessin hinter der großen Sonnenbrille, Clarisse (Annika Schlicht) sind toll besetzt. Ein ganz großer Opernspaß mit vielen, vielen kreativen Ideen. Wenn die Orangen als Staatsorange, Deutsche Orange und Komische Orange auf die Bühne rollen ist das Gelächter groß. Überhaupt gibt es unzählige Seitenhiebe auf den Kulturbetrieb, das Berliner Ensemble kommt vor, die Berlinale, der Durst nach finanzieller Hilfe…

Musikalische Leitung: Nicholas Carter

Inszenierung: Robert Carsen

Bühne: Paul Steinberg

Kostüme: Buki Shiff

Licht: Peter Van Praet, Robert Carsen

Videokunst: Robert Pflanz

Chöre: Jeremy Bines

Choreografie: Philippe Giraudeau

Pantalon: Thomas Lehman

Tschelio: Ievgen Orlov

Linetta: Vasilisa Berzhanskaya

Nicoletta: Meechot Marrero

Ninetta: Sandra Hamaoui

Die Köchin: Andrew Harris

Farfarello, ein Herold: Seth Carico

Smeraldine: Jana Kurucová

Zeremonienmeister: Jörg Schörner

Die Liebe zu den drei Orangen gibt es am 28. Oktober nochmal in der Deutschen Oper zu sehen, weitere Infos und Karten gibt es hier.

©Nicole Haarhoff, ©Bild: Barbara Aumüller