Tosca – Giacomo Puccini – Deutsche Oper

Nachdem mich am Freitag das surreale Opernmärchen Die Liebe zu den drei Orangen mit seiner zugegeben schrillen Geschichte voller trauriger Prinzen, Zauberern, sich verwandelnden Prinzessinnen und tanzenden Zombies verblüffte und begeisterte, war am Samstag klassische Oper angesagt: Tosca von Puccini. Und während mich am Freitag die irrwitzige Geschichte und die auffällig-bunten Kostüme packten, war es am Samstag die wunderschöne Musik und die sehnsuchtsvoll-tragische Geschichte, die mich in ihren Bann zogen. Tosca ist einfach eine unnachahmlich berührende Geschichte, die Musik, der Gesang, man schwelgt als Zuschauer nur so in den ganz großen Gefühlen, wird davongetragen von der Liebe der schönen Tosca zu ihrem verwegenen Mario.

Schon der Beginn ist imposant: Der Vorhang hebt sich und wir befinden uns in einer römischen Kathedrale im Jahr 1800. Ein hölzernes Gestell wurde errichtet, damit der Kunstmaler Mario Cavaradossi (Jorge de León) das Altarbild gestalten kann. Scherzend beichtet er dem Mesner (Noel Bouley), dass er die Maria Magdalena nach einer Dame gestaltet, die häufig zum Beten in die Kirche kommt: der Marchese Attavanti. Das fällt natürlich auch seiner Geliebten auf, der notorisch eifersüchtigen Floria Tosca (Liudmyla Monastyrska). Mit vielen liebevollen Worten, romantischen Versprechungen und Schwüren kann er die temperamentvolle Dame schließlich beruhigen und sie davon abhalten, die ganze Kirche nach ihrer vermeintlichen Nebenbuhlerin zu durchsuchen. Und das ist auch gut so, denn es gibt tatsächlich jemanden, der sich versteckt: Angelotti (Derek Welton), der Bruder der Marchese hat sich in die Familienkapelle gerettet. Der ehemalige Konsul war politischer Gefangener in der Engelsburg und floh vor seiner sicheren Exekution. Cavaradossi versteckt seinen Freund, auch seiner Geliebten Tosca verrät er nichts. Der gefürchtete Polizeichef Scarpia (Zeljko Lucic) fällt mit seinen Schergen in der Kirche ein, kaum das Angelotti und Cavaradossi sie verlassen haben. Sehr schnell erkennt der findige Scarpia die Zusammenhänge und schlau nutzt er die berüchtigte Eifersucht der bekannten Sängerin Tosca: Als sie zurückkehrt, um das Rendezvous mit ihrem Mario abzusagen, hält er ihr bereits einen Fächer entgegen, auf dem das Wappen der Marchesa abgebildet ist. Wie erwartet kocht die Tosca vor Eifersucht und Scarpia schickt seine Schergen hinter ihr her, als sie wütend davonrauscht.

Am gleichen Abend trifft das Liebespaar im Gemach des Polizeichefs wieder aufeinander: Cavaradossi wurde festgenommen, da man Angelotti nicht finden konnte. Und da er sich stur weigert etwas zu verraten, soll Tosca nun den Aufenthaltsort des Flüchtigen verraten. Auf den Geheiß ihres Geliebten hin schweigt sie zunächst, aber Scarpia bedrängt sie mehr und mehr, schließlich lässt er Cavaradossi gar im Nebenzimmer foltern und seine Schreie kann die schöne Sängerin nicht ertragen. Sie verrät Angelotti. Der wählt im Angesicht der Schergen Scarpias den Freitod. Von Angst und Schuld zermürbt will Tosca mit Scarpia um das Leben ihrer Geliebten feilschen. Scarpia möchte aber kein Geld, er will Tosca. Tosca ist voller Abscheu, aber sie sieht keinen Ausweg und schließlich willigt sie ein. Wenn sie ihm zu Willen ist, dann erschießt er Cavaradossi nur zum Schein. Und wenn die Soldaten fort sind, dann können Tosca und ihr Geliebter mithilfe eines Geleitbriefes fliehen. Scarpia instruiert seinen Gehilfen Spoletta dahingehend. Während Scarpia den geforderten Brief schreibt, fasst Tosca in ihrer Verzweifelung aber einen ganz anderen Entschluss understicht den verhassten Scarpia.

Im Morgengrauen auf den Zinnen der Engelsburg. Langsam taucht die Stadt Rom aus der Dunkelheit auf. In der Ferne kündigen die Glocken den herannahenden Tag an. Tosca hat nur wenige Minuten Zeit, um ihren Geliebten von ihrem Plan zu unterrichten. Hoch über der Stadt verabschieden sich die Liebenden voneinander, zumindest für einen kurzen Moment. „Lass dich beim ersten Schuss fallen“, beschwört die Tosca ihren Mario, „und erheb dich erst wieder, wenn ich dich rufe!“ Aber noch aus dem Tod heraus hat Scarpia die Oberhand! Nachdem sich der letzte Pulverrauch verzogen hat und die Soldaten verschwunden sind, erkennt Floria die schreckliche Wahrheit: Ihr Mario ist tatsächlich tot, die Exekution war nicht vorgetäuscht! Als der Mord an Scarpia entdeckt wird und die Soldaten Tosca ergreifen wollen, da wirft sie sich von den Zinnen der Engelsburg.

Die Liebe von Mario und seiner Floria ist wunderschön anzusehen und zu hören. Liudmyla Monastyrska ist der Inbegriff der temperamentvollen, heißblütigen Italienerin. Sie liebt mit Inbrunst, ist schnell eifersüchtig, vergibt aber auch ebenso schnell. Zwischen ihr und Jorge de León flimmert die Luft, er ist genauso charmant und entflammt für Freiheit und Gerechtigkeit, wie man sich seinen Held wünscht. Zeljko Lucic überzeugt als machtbesessener, gieriger Scarpia und sein wieseliger Gehilfe Spoletta (James Kryshak) ist richtig abstoßend. Nicht nur die wundervolle Musik (Musikalische Leitung: Giampaolo Maria Bisanti) und der grandiose Gesang überzeugen, auch die Bühne ist absolut perfekt. Ob nun die Kirche im ersten Akt und die Prozession der Gläubigen oder das düstere Gemach des Polizeichefs im zweiten, in dem sich hinter der Gebetsbank die Hausbar verbirgt oder, am allerschönsten: im 3. Akt die Zinnen der Engelsburg aus der Froschperspektive. Sanft verändert sich das Licht und der neue Tag kündigt das tragische Ende der Liebe von Floria und Mario an…

Hach! Einfach wunderschön. Von vorne bis hinten eine wunderschöne, traurige und herzergreifende Oper. Genau so stellt man sich Oper doch vor. Ganz große Gefühle. Ganz große Arien. Ganz tragische Charaktere, voller Heldenmut und doch verdammt.

Tosca kann man nochmal am 24. Oktober in dieser Besetzung sehen, danach wieder im Januar 2018. Karten und Infos gibt es hier.

©Nicole Haarhoff