Die schöne Helena – Barrie Kosky – Komische Oper Berlin

Mein Wochenende begann mit Knackärschen. Mit Knackärschen in winzigkleinen schwarzen Lederhosen, aus denen hinten eine runde Öffnung herausgeschnitten war, damit der bewundernde Blick auch frei und ungehemmt auf die prallen Schönheiten fallen konnte. Wer jetzt denkt, ich wäre im KitKat gewesen oder im Berghain oder gar bei den Jungs von SixxPaxx… weit gefehlt! Ich war, vollkommen bieder und anständig (eigentlich), in der Komischen Oper!

Barrie Koskys Die schöne Helena toppt alles, was ich bisher an Großartigkeiten in der Komischen Oper gesehen habe. Es ist ein quietschbuntes, schrillschnelles Ideenfeuerwerk, das den Zuschauer atemlos zurücklässt. Ein richtige Salve von verrückten Ideen und unglaublichen Darstellern knallt unablässig auf das Publikum ein, man lacht und staunt und lacht und staunt.

Die Geschichte ist schnell erzählt, die schöne Helena (Nicole Chevalier), verheiratet mit dem etwas in die Jahre gekommen König Menelaos (Peter Renz), langweilt sich fürchterlich. Sie sehnt sich heftig nach einem schönen, starken Liebhaber, einem sexy Schäfer zum Beispiel. Hatte nicht Liebesgöttin Venus einst auf dem Berge Ida einem Schäfer die Hand der schönsten Frau der Welt versprochen? Und das ist doch Helena! Wo also ist ihr attraktiver Schäfer? Großaugur Kalchas (Stefan Sevenich), unzufrieden mit den Opfereinkünften der Götter, ist von den Anforderungen Helenas, Venus‘ und der Könige vollkommen gestresst. Nur zu gern lässt er sich von Paris (Stefan Cifolelli), jenem geheimnisvollen Schäfer, bestechen. Der gewinnt problemlos den Wettstreit der Könige gegen Menelaos, Ajax 1 (Tom Erik Lie) und Ajax 2 (Philipp Meierhöfer). Helena ist hingerissen! Sie lässt sich, im festen Glauben das alles nur ein Traum sei, zu einer heißen Liebesnacht mit dem schneidigen Paris hinreißen. Und es kommt natürlich wie es kommen muss, König Menelaos kehrt früher als erwartet zurück und erwischt seine Frau und ihren Liebhaber inflagranti! Nun hängt der Haussegen schief, im antiken Griechenland!

Barrie Kosky hat aus Jacques Offenbachs Operette ein fantastische Fantasiereise gemacht, mit knalligbunten Kostümen und einem fabulösen Herrenballett (Michael Fernandez, Paul Gerritsen, Christoph Jonas, Lorenzo Soragni, Tibor Nagy, Hunter Jaques und Silvano Marraffa), das neben ihren Knackärschen auch noch einiges andere zu zeigen weiß, zum Beispiel ihr Können auf Rollschuhen! Der Chor, in seiner bonbonhaften Aufmachung, ist auf der ganzen Bühne unterwegs, mal mittendrin, mal ganz vorn. Helena ist eine laute, extravagante und frivole Diva, die mit großen Gesten um sich wirft, der bewegliche Mund immer zu Grimassen und Anzüglichkeiten verzogen, tanzend, tänzelnd und in your Face. „Don’t speak!“, ruft sie gerne, mit der passend abwehrend erhobenen Hand dazu! Obwohl viele großartige Darsteller auf der Bühne stehen, Nicole Chevalier lässt sie alle hinter sich zurück, sie ist ganz eindeutig die Hauptperson, alle Blicke sind auf sie gerichtet, auf die aufregende, die von sich selbst überzeugte und doch so einnehmende schöne Helena! Sie singt, sie gurrt, sie flirtet, sie bestimmt. Hit it, Henrik!

Aber auch die anderen Auftretenden – brilliant! Der leichtfüßige kolossale Kalchas (Stefan Sevenich), die wunderschöne Dita von Teese-mäßige Karolina Gumos als Orest, die sehr männliche, aber in einem sehr hübschen Kleidchen steckende Brieftaube (Karlheinz Oettel), sie alle machen aus diesem Abend einen ganz Besonderen. Bestimmt nicht jedermans Sache, aber ich kann euch diese spektakuläre Operette nur ans Herz legen, sie ist ein Riesenspaß!

Weitere Infos und Karten für diese knallige Travestieoperette bekommt ihr hier.

Musikalische Leitung – Ivo Hentschel
Inszenierung – Barrie Kosky
Choreographie – Otto Pichler
Bühnenbild – Rufus Didwiszus
Kostüme – Buki Shiff
Dramaturgie – Johanna Wall
Chöre – David Cavelius
Licht – Diego Leetz

©Nicole Haarhoff