La Bohème – Giacomo Puccini – Deutsche Oper Berlin

Ich habe ja schon häufig geschrieben, wie sehr mich das Bühnenbild einer Produktion beeindruckt hat, aber noch niemals entsprach das so sehr der Wahrheit wie im Dezember bei La Bohème in der Deutschen Oper. Kurz vor der Havarie, bei der eine defekte Sprinkleranlage die Bühne unter Wasser setzte, durfte ich noch einen magischen Abend dort verleben, der mich zu Tränen rührte.

Es beginnt in einer Dachkammer über Paris. Durch die gigantischen Fenster kann man auf die grauen Dächer sehen und im Raum selbst versuchen ein paar arme Künstler, trotz der bitteren Kälte, zu arbeiten: Rodolfo (Yosep Kang), ein Schriftsteller, Marcello (Markus Brück), ein Maler und Colline (Ante Jerkunica), ein Philosoph. Verzweifelt befeuern sie den kleinen Ofen mit einer alten Arbeit Marcellos, als plötzlich der Vierte ihres Gespanns hereinpoltert: Schaunard (Philipp Jekal), der Musiker, hat als einziger Glück gehabt, hat mit einer Posse gutes Geld verdient und bringt nun ein wahres Fest mit nach Hause, Wein, Essen, Brennholz, alles was das Künstlerherz gerade mehr begehrt als eine Muse. Fröhlich machen sich die Freunde auf, um im Café ihr Glück kräftig zu begießen. Nur Rodolfo bleibt zurück, er möchte endlich weiterarbeiten. Er hat kaum ein Wort geschrieben, da klopft leise eine Nachbarin an die Tür, die auf der Suche nach Licht für ihre Kerze ist. Rodolfo verliebt sich sofort und auf der Stelle in die schöne Mimí (Elena Guseva).

Um ihre aufkeimenden Gefühle zu feiern, folgen die beiden Turteltäubchen nun doch den Freunden Rodolfos hinaus auf die Straße, zum Café. Der Pariser Straßenzug ist unheimlich originalgetreu und beeindruckend auf der Bühne der Deutschen Oper dargestellt. Im Vordergrund die grazilen Stühle des Restaurants, davor die kopfsteingepflasterte Prachtstraße, auf der Marktschreier, Straßenkünstler und Passanten entlang flanieren. Kinderaugen verfolgen glänzend jede Bewegung der Spielzeug- und Ballonverkäufer. Leichte Damen rufen den feinen Herren Anzüglichkeiten zu. Und im Café treffen nicht nur die beiden Frischverliebten auf Rodolfos Freunde, sondern Marcello trifft auf eine alte Flamme: die schöne, lebensfrohe Musetta (Siobhan Stagg), eine verführerische Sängerin, mit der er eine Affäre pflegte, ehe er die Eifersucht nicht mehr aushielt. Sie ist mit einem wohlsituierten Herren unterwegs und sofort schlagen die Flammen seiner Eifersucht wieder hoch, von der temperamentvollen Dame eifrig geschürt. Während die beiden noch kabbeln, marschiert im Hintergrund mit viel Tsching-Tärä eine Militärparade auf und über den Köpfen der staunenden Menge explodiert glitzernde ein Feuerwerk. Ein absolut grandioses und zutiefst beeindruckendes Bühnenbild, das den Zuschauer unwillkürlich mitten hinein in das Künstlerviertel Montmartre im 19. Jahrhundert entführt, in das prachtvoll-romantische und zugleich armselige Leben der jungen Bohemians.

Eine wunderschöne, seelenvolle Oper mit trauriger und zugleich wunderschöner Geschichte und zeitlos wunderbarer Musik. Die musikalische Leitung hat Nicholas Carter, die sehr klassische und detailgetreue Inszenierung ist von Götz Friedrich und für Bühne und Kostüme dürfen wir Peter Sykora dankbar sein. Ein wahrer Genuss für Augen und Ohren! Ich fand besonders schön, dass ich gerade kurz vorher zum ersten Mal das Musical Rent gesehen hatte und die Parallelen nun deutlich sehen konnte. Als Mimí Rodolfo um Licht bittet, sang in meinem Kopf Rosario Dawson „Light my Candle“.

Durch die Havarie der Deutschen Oper gibt es in nächster Zeit vor allem szenisch adaptierte Versionen zu sehen, trotzdem oder vielleicht gerade deswegen lohnt sich ein Blick in den Spielplan. Hier könnt ihr bei Interesse außerdem meinen Bericht zu Tosca finden.

©Nicole Haarhoff