Im Herzen der Gewalt – Schaubühne Berlin

Winter. Weihnachtszeit. Paris. Ein junger Mann ist am frühen Morgen auf dem Weg nach Hause von einer Weihnachtsfeier mit Freunden, in der Hand seine Geschenke, es ist kalt, er ist ein klein wenig beschwipst und müde, er freut sich, bald daheim zu sein. Da spricht ihn plötzlich ein hübscher junger Mann an, macht Komplimente, flirtet heftig. Er wehrt erst ab, verlegen, müde, aber doch ein klein wenig interessiert und ehe er sich versieht, nimmt er den charmanten Fremden mit nach Hause. Sie unterhalten sich, sie trinken etwas, sie flirten und schließlich landen sie miteinander im Bett. Nach einer heißen Liebesnacht gibt es dann allerdings ein jähes Erwachen, als sich plötzlich herausstellt, dass der nächtliche Besucher sich mit Tablet und Handy davonmachen will. Zaghaft auf den Diebstahl hingewiesen, rastet er vollkommen aus, bedroht und würgt seinen Gastgeber, zieht schließlich gar eine Waffe, bedroht und vergewaltigt ihn.

Keine erdachte Szene – genau so geschah es dem jungen Schriftsteller Édouard Louis. In seinem Roman Im Herzen der Gewalt erzählt er schonungslos offen davon, was in dieser Nacht geschehen ist und vor allem über das, was danach geschah. Von den Ärzten im Krankenhaus, von dehumanisierenden Untersuchungen, von den Befragungen der Polizei. Die, nachdem die Herkunft des Täters klar ist, sich enthusiastisch darauf stürzen: maghrebinischer Typ. Ach so! Na klar, sagen die Augen der Polizisten. Das hättest du doch wissen müssen, sagen sie. Ausländer, natürlich.

Édouard flieht zu seiner Schwester, eine nicht unbedingt konfliktfreie Entscheidung, denn in seinem ersten literarischen Werk Das Ende von Eddy hat er bereits eindringlich geschildert, wie er sich von Heimat und Familie entfernte, Homophobie, Gewalt und Vorurteile hinter sich ließ, seinen Namen änderte und nach Paris ging. Folglich ist seine Rückkehr in die Provinz in keiner Weise einfach, weder für ihn noch für seine Schwester Clara.

An der Schaubühne wurde Édouards Geschichte nun auf die Bühne gebracht, den jungen Schriftsteller spielt Laurenz Laufenberg, Reda, seinen Vergewaltiger spielt Renato Schuch. Dadurch, dass sie beide so hübsche junge Männer sind und der Anfang, das zarte Flirten, die charmante Offensive, so nachdrücklich gespielt wird, ist der plötzliche, heftige Ausbruch der Gewalt umso schlimmer. Man kann sich erschreckend gut vorstellen, wie der junge, zögerliche und ein wenig linkisch Flirtende versucht, nach dem Diebstahl die Wogen zu glätten, die Sache herabzuspielen. Seine Schwester Clara (Alina Stiegler) ist da schon pragmatischer, in Tigertop und mit der Zigarette im Mundwinkel schildert sie ihrem Mann (Christoph Gawenda), was ihrem Bruder geschehen ist, wie er es ihr erzählt hat und wie sie es sieht. Auch bei der eigentlichen Tat ist sie auf der Bühne zugegen, die Augenbrauen missbilligend  hochgezogen beim Flirt, das Gesicht schmerzerfüllt abgewandt bei der Vergewaltigung. Ihrem flapsigen Gebaren und etwas nachlässigen Äußerem zum Trotz analysiert sie ihren Bruder kristallklar und messerscharf, für mich eine der besten Darbietungen des Abends! Denn natürlich gibt es immer, immer zwei Seiten einer Geschichte, auch bei der von Eddys Stadtflucht. Er ist nicht nur geflohen, sondern er hat auch verlassen. Und so ist dies statt der Geschichte einer Vergewaltigung die Geschichte eines jungen Mannes, der Schreckliches erlebt, der Terror und Todesangst erfährt und für den sich auch das Nachspiel noch als Gewalt an seiner Person entpuppt. Aber der sich trotzdem entscheidet, weder Opfer noch Rassist zu sein.

Sehr sehenswerte, aber auch intensive und erschreckende Theatererfahrung! Weitere Infos und Tickets hier.

©Nicole Haarhoff  ©Foto: Arno Declair