Romeo + Julia, Schloss Nymphenburg, München

[Werbung]Interessanterweise habe ich in diesem Sommer dreimal hintereinander Romeo und Julia gesehen, wenn auch in vollkommen unterschiedlicher Art und Weise. Dabei könnte man doch meinen, dass die Liebesgeschichte von William Shakespeare irgendwann einmal langweilig wird für die Theatermacher und Kulturschaffenden, denn immerhin stammt der Stoff aus den Jahren 1594-1596 und wurde seither unendlich viele Male aufgeführt, aufgeschrieben und gefilmt. Auf dem Dorfe spielend, in die Gegenwart verpflanzt, in andere Länder verortet. Trotzdem ist die Geschichte der beiden jungen Liebenden, deren heimliche Liebe unter keinem guten Stern steht und tragisch endet, nach wie vor fesselnd für Jung und Alt. Und selbst wenn man, so wie ich, die gleiche Geschichte dreimal hintereinander auf der Bühne sieht, dann ist sie doch so wandelbar, dass man sich nicht dabei langweilt.

Ich habe in diesem Sommer zuerst Romeo und Julia im Kletterwald in Brandenburg gesehen, Julias Balkon in Verona war dort ein Holzplateau zwischen zwei großen Bäumen, auf denen tagsüber sportliche Familien durch den Wald hangeln. Danach habe ich es als Stück im Stück bei dem Musical „Fack ju Göthe“ in München gesehen und zu guter Letzt als Open Air vor der Orangerie des Schlosses Nymphenburg, ebenfalls in München. Das Ensemble Persona zeigt dort seit einigen Jahren im Sommer an einigen wenigen Terminen Shakespeare und ich hatte das Glück, bei der letzten Aufführung 2018 dabei zu sein. Mit einem bestechend außergewöhnlichen Trupp aus jungen Schauspielern entsteht die Liebesgeschichte vor unseren Augen in wunderschöner Atmosphäre. Der schöne Romeo (Jeroen Engelsman) sieht aus wie ein gewisser glitzernder Vampir, ist aber ein weitaus besserer Schauspieler. Tragisch bleich und hipsterbejeanst ist er  in die schöne Rosalinde verliebt, die ihn jedoch kühl abweist. Seine Freunde Benvolio (David Tobias Schneider) und Mercutio (Yannick Zürcher) umgarnen ihnen mit sprachlich grandioser Shakespeare-Eloquenz und versuchen ihn aus seiner schlechten Laune zu befreien. Wie typische junge Männer necken, piesacken und ärgern sie einander und überreden Romeo schließlich, am Abend mit ihnen zusammen die Feier des verfeindeten Capulet-Clans zu besuchen. Lord und Lady Capulet (Tobias Maehler und Klaudia Schmidt), er jovial, sie kühl-elegant, geben einen Maskenball, der auch dazu dienen soll, das Lord Paris um ihre Tochter Julia freien kann.

Aber wir wissen es natürlich besser. Nicht in den reichen Paris verliebt sich die junge Julia Capulet (Sarah Elena Timpe), sondern als sich ihre Blicke mit denen von Romeo kreuzen, da ist es um die beiden jungen Leute geschehen. Hach, und Sarah ist eine ganz wunderbare Julia, fröhlich und selbstbewusst. Ich glaube, das halbe Publikum hat sich gemeinsam mit Romeo in sie verliebt, als sie vom Fenster des Schloss Nymphenburg herunter schmachtet und flirtet. Es gelingt dem Ensemble Persona ganz wunderbar, die lockere Leichtigkeit einzufangen, mit der die junge Liebe über diese Beiden hereinbricht. Auch die liebevolle und geschwätzige Amme (Anja Neukamm) und der ewig unleidliche Diener (Leonid Semenov) tragen zur amüsanten Atmosphäre bei, die herrscht, bis das Grauen in die junge (und heimlich geschlossene) Ehe der beiden Liebenden eindringt. Julias Cousin Tybalt (Manuel Feneberg), vom jahrhundertealten Hass zwischen den Familien befeuert und außerdem zerstörerisch hitzköpfig, tötet im Streit Romeos guten Freund Mercutio und besiegelt damit das Schicksal aller. Nach der Sommerleichtigkeit der ersten Liebe leiden wir umso mehr mit den Verliebten, wenn sie trotz aller verzweifelten Versuche des Paters Lorenzo (Michael Althauser) voneinander und schließlich gar aus der Welt scheiden müssen. Nach wie vor eine bittersüß schöne Geschichte, vom Ensemble Persona eindringlich und beeindruckend auf die Bühne gebracht.

Unbedingt für den nächsten Sommer vormerken! Hier gibt es weitere Informationen und Tickets für die Aufführungen im nächsten Jahr. Münchenbesucher können den Besuch des Theaterstücks mit einer Tour durch das fulminante Schloss Nymphenburg, den verschwenderisch-schönen Schlosspark und den angrenzenden Botanischen Garten München verbinden.

©Nicole Haarhoff