Stella – Neuköllner Oper

[Werbung]Überlebe! Mit einem dicken Ausrufezeichen versehen und zweimal unterstrichen. Überlebe! Das ist das Motto der Stella Goldschlag. Die junge Frau hält sich nicht für eine Jüdin. Sie ist Deutsche. In Deutschland geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern, beide Künstler, haben ihr die Liebe zur Musik mitgegeben und nun träumt sie davon, in den USA ein Star zu werden. Eine, die sogar von Marlene beneidet wird! Die Judensterne sieht sie als persönliche Beleidigung an. Sie ist doch keine Jüdin! Sie hat nichts gemein mit diesen Stirnlockenpredigern und ihren Perücke tragenden Frauen. Sie ist ein Star!

Stellas sanfter Musikervater versäumt es, früh genug um Visa in die USA zu betteln, aber gebracht hätte es wohl sowieso nichts. Sie versuchen so lange es geht durchzukommen, in Berlin im Jahr 1943. Aber schließlich werden sie doch verhaftet und die hübsche Stella wird vor die Wahl gestellt: Entweder geht sie mit einem SS-Mann in Berlin auf Judenjagd oder sie und vor allem ihre Eltern werden es bereuen. Stella wird Bestandteil der Greifertruppe, Juden und Jüdinnen, die versteckte Glaubensgenossen aufspüren und verraten. Teilweise nehmen sie die Verhaftungen und die anschließenden Verschickungen gleich selbst vor. Stella wird bald als „Blondes Gespenst vom Kurfürstendamm“ berühmt. Kaum einer traut der hübschen Frau zu, dass sie im Laufe ihrer Denunziantenzeit zwischen dreihundert und tausend Menschen in den Tod schickte, darunter viele Frauen und Kinder.

Aus dieser monströsen Biografie ein Musical zu machen, erscheint kaum möglich, aber der Neuköllner Oper ist es tatsächlich gelungen. Die schöne Frederike Haas tanzt und singt zunächst fröhlich und sorglos, man kann es ihr beinahe nachempfinden, dem jungen Ding, wie sie Teenager-selbstbezogen diesen ganzen Nazikram als höchstpersönliche Beleidigung ansieht und als unfairen Eingriff in ihre schillernden Karrierepläne. Die Männer in ihrem Leben, ihr Vater, ihre Ehemänner, der Nazi, der sie „anheuert“, ihr Jugendfreund Samson, der Einzige, den sie nicht verrät und sogar Adolf Eichmann. Sie alle erzählen gemeinsam mit ihr ihre Geschichte, springen hin und her zwischen Anfang, Mitte und Ende: Stella Goldschlag wird für ihre Taten zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt und versucht 1957 Entschädigung für die ihr durch die Nazis zugefügten Untaten einzuklagen. Sie begeht im Jahr 1994 zweiundsiebzigjährig Selbstmord. Ihr Freund Samson stirbt kurz vor der Premiere des Musicals, das auch seine Geschichte erzählt.

Die Bühne in der Neuköllner Oper ist ein großartige Konstruktion: ein großer containerförmiger Raum in der Mitte des Saals, sodass sich das Publikum auf beiden Seiten gegenüber sitzt. Zu allen Seiten hin lässt sich der Container öffnen, sodass er manchmal Bühne ist, manchmal Projektionsfläche, manchmal ist die obere Etage ebenfalls genutzt, manchmal dient er verschlossen zur Requisitenvorbereitung. Die Geschichte von Stella Goldschlag wird teilweise innerhalb des Containers erzählt, zum Beispiel wenn sie in einem Raum der Gestapo zusammengeschlagen wird. Oder alle Türen sind geöffnet und sie tanzt mit ihrem zweiten Mann, dem schönen Rolf, über die ganze Bühne. Zusammen sind sie ein erfolgreiches, unbarmherziges und gefürchtetes Paar schöner Massenmörder.

Frederike Haas schafft es, dass man als Zuschauer einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt ist: man kann sie manchmal beinahe verstehen, manchmal tut sie einem leid, manchmal möchte man sie heftig ohrfeigen, manchmal macht sie einem Angst. Aber am Ende hat sie das letzte Wort. Denn sie zu Monster abzustempeln, zu einer Täterin, deren Taten niemand sonst hätte tun können: Nein, das wäre zu einfach. Man muss sich fragen, was man an ihrer Stelle wohl getan hätte, wenn man nur noch ein Ziel vor Augen hat: Überlebe!

©Nicole Haarhoff