Anatevka – Komische Oper Berlin

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Ein kleiner Ort namens Anatevka, irgendwann und irgendwo in den Weiten Russlands. Am Rande des Dorfes befindet sich eine kleine jüdische Siedlung, in der vor allem eines wichtig ist: Tradition! Tradition! Die Frauen, sie putzen, sie kochen, sie backen, sie kümmern sich um die Kinder. Und die Männer, sie sind die Herren des Hauses, sie arbeiten, ernähren ihre Familie und wenn die Zeit gekommen ist, dann entscheiden sie, die Papas, wer wen wann heiratet, ganz genau so, wie es schon immer war! Tradition!

Tevje (Max Hopp) lebt in Anatevka, er ist der ansässige Milchmann und er ist zwar nicht mit Geld oder Hab und Gut gesegnet, dafür aber mit fünf hübschen Töchtern. Und da für die älteste Tochter nun die Zeit herangekommen ist, dass sie heiraten soll, hat Tevjes Ehefrau Golde (Dagmar Manzel) schon die Heiratsvermittlerin Jente (Barbara Spitz) auf den Fall angesetzt. Gut soll er sein, der potentielle Ehemann. Und mit einem schönen Geldpolster ausgestattet, das der ganzen Familie zu Gute kommen soll. So wie der Metzger zum Beispiel. Tevje mag ihn zwar nicht und recht alt ist er auch, aber wohlsituiert ist er nun einmal, das ist nicht zu leugnen. Tevje stimmt also zu. Nur hat er die Rechnung ohne seine Tochter Zeitel (Talya Lieberman) gemacht. Traditionen hin oder her, Zeitel ist schon seit ewigen Zeiten in den armen Schneider Mottel (Johannes Dunz) verliebt und will ihn heiraten! Und weil Tevje vor allem anderem ein liebevoller Vater ist, gibt er nach und in Anatevka wird eine rauschende Hochzeit gefeiert! Selbst der Fleischer lässt sich nicht lumpen und spendiert fünf Hühner! Aber ein Schatten der Vorahnung fällt über die Feierlichkeiten, als plötzlich Soldaten hereinstürzen, alles kurz und klein schlagen und die Gäste verschrecken. Gerüchte von Progrom und Vertreibung hängen in der Luft.

Mit ganz anderen Gewitterwolken muss sich unser Tevje herumschlagen: seine zweite Tochter Hodel will ebenfalls nicht so wie er will, sie hat sich in den Hauslehrer Perchik verliebt, der mit vielen aufrührerischen Ideen im Kopf die Welt verändern will. Nicht nur verloben sie sich ohne seine Zustimmung abzuwarten, nein, Hodel folgt ihrem Geliebten auch noch nach Sibirien, als dieser verhaftet und verbannt wird. Und als wäre das noch nicht genug, kommt dann als letzter Schlag auch noch die drittjüngste Tochter Chava mit einem Nicht-Juden heim! Aber da muss selbst der großherzige, watteweiche Tevje einen Schlussstrich ziehen, er, der er regelmäßig stille Zwiegespräche mit Gott führt, dem Tradition, aber vor allem der Glaube über alles geht – nein, das kann er nicht dulden. Er verstößt seine Tochter Chava, auch wenn sein Herz dabei blutet.

Und während Golde und Tevje noch mit ihren Familienkrisen hadern, da tritt schon ein, was die jüdische Bevölkerung bereits lange geahnt hatte: sie werden vertrieben. Drei Tage haben sie Zeit, um ihre Häuser zu verkaufen und mit Sack und Pack aus Anatevka zu verschwinden…

Es geht um Armut, um Repressalien, um Familienprobleme und schließlich gar um Vertreibung und Flucht. Ein düsteres Stück könnte man meinen, traurig und drückend. Stattdessen ist es ein fröhliches und lebensbejahendes Musical, voller Witz, Tanz, Musik und vor allem voller Liebe. Max Hopp spielt einen wunderbaren Tevje, liebevoll, lustig, augenzwinkernd. Aus jeder Geste, aus jeder Silbe heraus spürt man die Liebe für seine Mädchenschar und seine Golde. Und mit viel Chuzpe, Gottesglauben und durch lange, lange Jahre bitterer Erfahrungen mit Bedächtigkeit und Langmut ausgestattet, zieht diese Familie zum Schluss aus Anatevka fort und man hat als Zuschauer einen dicken Kloß im Hals. Anatevka ist ein sehr schönes Bild für die Resilienz des jüdischen Volkes und für die Gabe, auch in den schwierigsten Situationen den Humor nicht zu verlieren.

In typischer Barrie Kosky-Manier sind die Tänze natürlich wunderbar leidenschaftlich und wild, die Kostüme sind authentisch und das Bühnenbild… hach, das Bühnenbild von Rufus Didwiszus ist einfach großartig. Ich will nicht zu viel verraten, aber ich kann sagen, das ich die schiere Fantasie und Vorstellungsgabe bewundere, mit der man solche Bauten und ihre vielfältige Nutzung ersinnt! Insgesamt ein wundervoller Abend voller Gefühl, ein tolles Musical, in der Komischen Oper fabulös auf die Bühne gebracht!

 

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©Nicole Haarhoff, Bildmaterial: Komische Oper Berlin, Foto: Iko Freese