Indien – Tragikkomödie – Vaganten Bühne Berlin

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In den ersten fünf Minuten von „Indien“ in der Vaganten Bühne Berlin sagt Kurt Fellner (Urs Stämpfli) ungefähr sechstausend Worte. Und Heinz Bösel (Jürgen Haug) vielleicht sechs. Ich denke, da kann man schon sehr schön sehen, wie unterschiedlich die beiden vom Schicksal aneinandergeketteten Männer sind. Sie sind Kollegen, Gasthoftester in der Provinz. Während der jüngere, der hipstereske, gesundessende und sehr gern (und viel) redende Fellner die Zimmer und die Hotelanlage prüft, isst Bösel im Restaurant. Schnitzel, immer.

Sie sind wie Tag und Nacht, äußerlich wie innerlich. Am Anfang können sie sich auch nicht sonderlich gut leiden. Fellner ist ein wenig selbstverliebt, zum Abendessen holt er gern Trivial Pursuit-Karten hervor, um Bösel mit Allgemeinwissen zu brüskieren. Bösel ist sehr viel bodenständiger, er mag Schnitzel, er mag Bier und er gärtnert gern. Es dauert eine Weile, bis die beiden erste Gemeinsamkeiten entdecken und es sind auch recht ungewöhnliche Punkte, an denen sie endlich Schnittstellen finden, aber was solls. Aus Herr Fellner und Herr Bösel werden Kurti und Heinzi. Während sie durch die Lande ziehen, von unterschiedlichen Wirten (immer Senita Huskic) die immer gleichen Schnitzel und die immer besser schmeckenden Obstler serviert bekommen, werden Freunde aus den so unterschiedlichen Männern. Fellner spricht gern darüber, was in anderen Ländern, vor allem in Indien oder in Japan, so gesagt, getan und gegessen wird. Bösel ist meist skeptisch. Aber eine lange blühende Männerfreundschaft ist den beiden Schnitzelfans nicht vergönnt. Ehe sie sichs versehen, platzt ganz plötzlich der Tod mitten hinein in ihre Vergnügungsreise. Aus Arbeitskumpeln werden nun sogar so enge Freunde, dass man am Krankenbett Tiefsinniges austauscht.

„Indien“ ist eine krachendkomische Komödie mit zwei grandiosen Widersachern, die sich nichts schenken. Da fliegen die Fetzen und es klatschen die Schmalzbrote. Es macht einen Heidenspaß, den beiden grantelnden und zickenden Männern zuzusehen, wie sie eine gemeinsame Sprache finden, trotz ihrer unterschiedlichen Dialekte. Und wenn die Komödie tragisch wird, dann hat man sie schon ins Herz geschlossen. Urs Stämpfli und Jürgen Haug geben ein tolles Paar ab und Senita als immer wieder andere Wirtin (oder Wirt) und als sehr gestrenge Frau Doktor ist das i-Tüpfelchen auf einer sehr sehenswerten Geschichte einer Freundschaft bis in den Tod.

Weitere Infos und Termine gibt es hier.

©Nicole Haarhoff – Foto: Vaganten Bühne, Manuel Graubner

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37, eigentlich Buchhändlerin, aber meist unterwegs ins Theater, ins Varieté, zu Shows oder Ausstellungen.

Tommy Berlin

„Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe“ (Keilschrifttext, Chaldäa, um 2000 v. Chr.)

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