Am Boden – Deutsches Theater – Box – Berlin

Grounded – Am Boden

Eine hübsche, energische und selbstbewusste junge Frau. Sie ist amerikanische Soldatin, Kampfpilotin, um ganz genau zu sein. Sie liebt das Fliegen. In die Endlosigkeit des blauen Himmels aufzusteigen ist das, was ihrem Leben Sinn gibt. Man kann sie sich sehr gut vorstellen, wie sie in ihrem Kampfanzug vor ihrem Flugzeug steht, den Helm unter dem Arm, die blonden Haare flattern im Wind. Sehr Top Gun. Sie liebt die Geschwindigkeit, schnelle Flugzeuge, schnelle Autos und sie ist gut in dem, was sie tut. Sie steht „den Jungs“ in nichts nach. Weder beim Fliegen noch beim Trinken danach.

Ein Heimaturlaub ändert das alles. Sie lässt es sich gut gehen und sie trifft einen netten Mann, nichts ernstes, nur ein paar Tage Spaß. Als sie zurück in ihrem Flugzeug ist, passiert allerdings etwas, was noch nie zuvor passiert ist: ihr wird schlecht. Gerade rechtzeitig schafft sie es auf den Boden. Und macht wenig später einen Test, der bestätigt: sie ist schwanger.

Die Pilotin ist sehr nüchtern, sehr sachlich, in einfachen und klaren Worten erzählt sie, nein, berichtet sie, was danach geschieht. Schwangerschaft, Treffen mit dem Flirt, Hochzeit, kleines Mädchen, die Pilotin bleibt etwa drei Jahre lang zu Hause. Das Muttersein und Familienleben sind eine große Umstellung für sie, zwischen ihren Worten kann man die Sehnsucht zurück in den Himmel heraushören. Aber sie tut, was getan werden muss und bleibt daheim bei ihrem Kind, bis sie die Sehnsucht nicht mehr aushält. Ihr Mann ist überraschend voller Unterstützung und so steht sie schnell wieder vor ihrem Vorgesetzten, bereit, zurück an Bord zu gehen. Aber in der Zwischenzeit hat sich einiges geändert. Sie wird nicht mehr fliegen. Stattdessen bekommt sie einen Platz in einem Container, an einem Schreibtisch. Ab jetzt ist sie Drohnenpilotin. Ob das eine Strafe sei, fragt sie ihren Vorgesetzten, eine Strafe, weil sie schwanger geworden ist. Nein, nein, versichert man ihr. Das ist das neuste vom Neusten! Absolut sicher für den Piloten. Und am Abend kann sie nach Hause zu ihrer Familie. Ist das nicht toll?

Die Pilotin sitzt ab jetzt fernab der eigentlichen Kampfzone, ohne Team oder Kontakt zur Außenwelt stundenlang vor einem Bildschirm und starrt ins Grau. Körperlose Stimmen in ihrem Kopfhörer sind diejenigen, die Situationen bewerten und die Urteile sprechen, die sie dann vollzieht. Und am Abend kehrt sie aus dem Krieg zurück in ihr Familienleben. Je mehr Zeit vergeht, desto losgelöster ist sie sowohl von den gesichtslosen Menschenformen auf ihrem Bildschirm als auch von den Mitgliedern ihrer Familie, die immer mehr zu Grau verschwimmen.  Während sie noch immer strukturiert und klar einen Bericht über die Vorgänge abliefert, sehen wir als Zuschauer sie hinab in einen Abgrund taumeln…

Anja Schneider als die Pilotin liefert ein knallhartes, nachvollziehbares und augenöffnendes Ein-Frau-Stück über den Drohnenkrieg ab. Kein Für, kein Gegen, ein So-ist-es. Ein Das-tun-wir. Heute, jetzt.

Achtung: Limited Edition, nur wenige Termine, also ranhalten.

©Nicole Haarhoff

Theater

Nicole Haarhoff View All →

37, eigentlich Buchhändlerin, aber meist unterwegs ins Theater, ins Varieté, zu Shows oder Ausstellungen.

%d Bloggern gefällt das: