Gift – Deutsches Theater Berlin

Kaffee aus dem Automaten

Ein dröger Raum. Ein Kaffeeautomat in der Ecke, ein Wasserspender, ein paar Plastikstühle. Darin ein angespannter Mann mittleren Alters (Ulrich Matthes). Erst als eine Frau (Dagmar Manzel) hereinplatzt, den Regen vom Mantel schüttelnd, erfahren wir nach und nach was es mit diesem Raum auf sich hat. Es ist ein Wartesaal auf einem Friedhof. Und die beiden Menschen sind dort zusammen gekommen, eher widerwillig und unter unschönen Umständen: Gift tritt aus einer nahegelegenen Fabrik aus und das schon seit vielen Jahren. Das Grundwasser ist verseucht, die Erde sowieso. Rund zweihundert Gräber müssen geöffnet und die Begrabenen umgebettet werden. Darunter auch die Person die das letzte Bindeglied zwischen diesen beiden Menschen ist.

Gut siehst du aus

Und man braucht nicht lange zuzuhören um zu wissen was diese beiden sind: Ex, vorbei, mal gewesen. Gekicher im Zuschauerraum, denn ach, man kennt es doch nur zu gut: diese unangenehme Situation in der sich zwei Menschen begegnen die sich einst so nahe waren und es nun gar nicht mehr sind. Abgeschossene verbale Giftpfeile treffen noch immer ihr Ziel, auch wenn man sonst eigentlich kaum noch etwas übereinander weiß. Zehn Jahre sind immerhin vergangen! Neun, keift er, als würde das wirklich noch etwas ändern. Man versucht freundlich zu sein, Small Talk, aber irgendwie mag es nicht gelingen. Dafür sind die Gefühle zu nahe an der Oberfläche, die Wunden noch zu roh. Lächeln verwandelt sich schnell in gequälte Masken. Der Abgrund zwischen den beiden Menschen scheint unüberwindbar und er ist es, der einen Schnitt macht und den drögen Raum verlässt ehe überhaupt einer der Friedhofsoffiziellen ankommt. Sie bleibt zurück, genau wie sie auch vor neun Jahren zurückgeblieben ist.

Spotlight

Ein kurzer Blick in das Leben von zwei Menschen, auf eine Situation, auf ein Gespräch, irgendwer, irgendwo, irgendwann. Keine Namen, kaum Orte oder irgendwelche weitere Informationen, nur diese beiden Leute und die schiere Wucht ihrer Emotionen. Sie (Dagmar Manzel) die nervös mit ihrer Strickjacke spielt, sie aus und wieder anzieht, dreht und wieder dreht, manchmal vorsichtig lächelt als würde sie weinen. In ihr Wut, Verzweiflung und Trauer, Trauer so immens das es beim zusehen wehtut. Und er (Ulrich Matthes) der nicht weiß wie er ihr helfen soll, der selbst trauert, der aber auch weitergehen möchte, vorwärts, heilen, Hoffnung.

Grandios gespielt. Herzzerreißend. Ich fand Dagmar Manzel als schrille Cleopatra in der Komischen Oper schon wunderbar, als Golde in Anatevka grandios und ihr Berliner Schalk ist einfach wundervoll. Aber hier, in Gift, hat sie mich vollends überzeugt. Ihre Gefühle, die Trauer, der Verlust sind so greifbar, es ist wunderbar und schrecklich zugleich. Ein ungemein beeindruckender Theaterabend.

©Nicole Haarhoff ©Bild: Arno Declair, Deutsches Theater Berlin

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Berlinerin mit Herz und Seele, auch wenn ich einstmals zugezogen bin! In den Theatern und Veranstaltungsorten meiner Stadt fühle ich mich am wohlsten.

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