Mother – Anita Vulesica – BKA-Theater Berlin

Manchmal werde ich gefragt: „Und? Was schaust du heute Abend?“ Und ich, selbst vollkommen ratlos, gebe irgendeine vage Erklärung ab, gespickt mit viel „da so, ähm, irgendwie so…“ Der Soloabend von Anita Vulesica im BKA-Theater war mal wieder so ein Fall. Ich konnte mir selbst gar nicht wirklich vorstellen, was mich da erwarten würde. Deutsches Theater-Ensemblemitglied Anita Vulesica erzählt anhand von 27 Madonnasongs über Verlassenheit, Vergänglichkeit und die Angst zu versagen. So weit der Text im Programm. Und meine Begleitung, eifrige Theatergängerin und häufige Besucherin des DT redete mit Begeisterung von der Künstlerin, also war ich gespannt.

In gleißenden, fließenden Abendkleid auf dem Boden knieend, so war der erste Eindruck von Anita Vulesica. Insbrünstig, mit flehend erhobenem Blick, spricht sie betend, bittend, fordernd zu ihrer Mutter. Bist du stolz auf mich? Geschickt verwebt sie die Lebensgeschichte der Popikone Madonna, die sie an diesem Abend manchmal darstellt mit ihrer eigenen Geschichte, indem sie manchmal, wenn sie von sich redet, tatsächlich von sich selbst und nicht von sich, Madonna, erzählt. So schlägt sie eine Brücke von ihrem eigenen 11jährigen Ich, von ihren hartarbeitenden Gastarbeitereltern plötzlich aus Deutschland zurück in die alte Heimat geschickt, unvermittelt allein in (damals) Jugoslawien stehend, zu Madonna, deren Songs sie gemeinsam mit den Mädchen ihres Ortes performt. Genau wie Madonna ist auch sie eine ehrgeizige, hartarbeitende Frau, erfolgreich in einem Job, der von Männern dominiert wird. Fragen, die sich wahrscheinlich oder vielleicht, auch Madonna stellt, stellt sich auch Anita. Gerüchte, Meinungen und Kritik, die es über Madonna seit jeher gibt und wohl auch für immer geben wird, Anita spricht sie an: junge Männer, Fitnesswahn, Schönheits- und OP-Wahn, religiöse Symbole und Toreros, was ist da los?

Dabei singt sie die Songs, die die Queen of Pop in den Musikolymp katapultiert haben und die wohl jeder kennt. Insgesamt entsteht so ein spannender, interessanter, schlauer und oft auch witziger Abend. Madonna-Biografie, Anita-Autobiografie, Konzert, Musiktheater, Gesellschaftskritik, Feminismus, hier ist wirklich alles drin. Anita Vulesica spielt sich die Seele aus dem Leib, ist mal herrisch und kühl, eine echte Diva. Mal unsicher und sympathisch-verwirrt und vollkommen erledigt von Madonnas Sportregime. Am Ende hat man über zwei Frauen und viele Frauen ein wenig mehr gelernt und ein wenig mehr nachgedacht.

Wer Anita Vulesica nun auch live erleben möchte, kann hier ihre Stücke am DT finden, der nächste Termin wäre Muttersprache Mameloschn am 2. Oktober. Und wer demnächst auch einmal solche Veranstaltungsperlen im BKA entdecken möchte, der findet deren Spielplan hier. Ich freue mich als nächstes auf Jade Pearl Baker am 10. September!

©Nicole Haarhoff

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Blue Moon – Eine Hommage an Billie Holiday – Renaissance Theater Berlin

Vor wenigen Tagen jährte sich Whitney Houstons Tod bereits zum fünften Mal. Die Ausnahmesängerin wurde nur 49 Jahre alt. Drogen und die falschen Männer waren es, die ihr Leben so früh beendeten. Ich musste unwillkürlich an sie denken, als ich am Sonntag „Blue Moon“ im Renaissance Theater sah, denn es gibt einige Parallelen zwischen den Biografien der beiden Diven.

Billie Holiday, auch heute noch weltweit bekannt als eine der größten Jazzsängerinnen aller Zeiten, war erst 44 Jahre alt als sie 1959 in New York starb. Auch bei ihr waren es die Drogen und eine furchtbare Beziehung nach der anderen, die ihr Leben zu früh beendeten. Dabei hatte sie sich mit einem Rückgrat aus Stahl aus den schlimmsten vorstellbaren Verhältnissen so weit nach oben gearbeitet. Bis in die Carnegie Hall. Für eine schwarze Frau zu der damaligen Zeit ein Novum! Aber auch wenn sie in Seide und Pelz gehüllt in den exklusiven New Yorker Clubs sang, so ließ man sie doch nie vergessen, dass sie eine schwarze Frau war. Sie durfte nur durch die Hintereingänge gehen, im Lastenaufzug fahren und auf Tournee war es oft schwer, ein Hotel zu finden, das auch Schwarze erlaubte. Manchmal schwärzte man ihr Gesicht extra noch nach, weil sie den weißen Zuschauern nicht schwarz genug erschien.

Im Renaissance Theater spielt Sona MacDonald die Billie Holiday in den ersten Minuten mit schwarz angemaltem Gesicht, um daran zu erinnern. Blackfacing schreit die Kritik, aber ich finde es hier sehr passend. Überhaupt haben Torsten Fischer (Regie) und Herbert Schäfer (Ausstattung) die perfekte Balance gefunden, zwischen Liedern und Geschichte, zwischen Biografie einer großen Künstlerin und Einblicke in das Zeitgeschehen. Nikolaus Okonkwo ist der Erzähler ihrer Geschichte und manchmal auch einer ihrer Männer. Er reicht ihr ihren Alkohol und hilft ihr auf dem Gipfel ihrer Sucht auch mal auf und von der Bühne. Aber ansonsten lebt und atmet das Stück durch die brillante Sona MacDonald, die mit ihrer atemberaubenden Gänsehautstimme berührt und den Aufstieg und Fall der Jazzsängerin grandios darstellt. Sehr sehens- und vor allem sehr hörenswert!

Sona MacDonald wurde, vollkommen verdient, für ihre Darstellung der Holiday mit dem NESTROY-Award geehrt.

Im Mai kann man „Blue Moon“ erneut im Renaissance Theater erleben, am 9., 10. und 11. Mai. Weitere Informationen und Tickets gibt es hier. Auch sonst lohnt sich ein Blick in den Spielplan des Renaissance Theaters. Besonders ans Herz legen möchte ich euch allerdings „Das kunstseidene Mädchen“, meinen ausführlichen Bericht findet ihr hier. Man kann das Stück Ende März erneut erleben, nicht verpassen!

©Nicole Haarhoff

 

Die Rixdorfer Perlen packen aus – Weihnachts Edition – Heimathafen Neukölln

Was soll ich euch sagen. Die Rixdorfer Perlen sind großartig. Sie sind witzig, sie sind talentiert, sie singen sich das Herz aus dem Leib. Schaut sie euch unbedingt an! Nehmt euren Weihnachtsbesuch, egal ob grummelige Tante oder meckrigen Schwiegervater, mit in den Heimathafen Neukölln – sie werden es lieben und ihr werdet einen großartigen Abend verleben. Versprochen!  Vorher ein schönes Abendessen im Café Rix  (zum Beispiel Gänsekeule auf Beilfußjus, Kartoffelklöße und Rotkohl, 13 Euro) – fertig ist die Laube.

Die Rixdorfer Perlen, das sind die Betreiberin der Neuköllner Stammkneipe „Zum Feuchten Eck“, Marianne (Britta Steffenhagen), die kesse Amüsierdame Jule (Inka Löwendorf) und die neurotische Putzfrau Miezeken (Johanna Morsch). Sie sind allerbeste Freundinnen und haben in diesem Jahr endlich, nachdem sie noch nie Betriebsferien gemacht haben, sich selbst einen schönen Winterurlaub am Strand von Teneriffa geschenkt. Während Marianne ihre Vertretung per Telefon schult, Jule ihre Bikinis zurechtlegt und Miezeken Panik wegen der nötigen Impfungen und der Größe des Handgepäcks schiebt, wird schon der eine oder andere Schnaps in Vorfreude auf die Sonne gekippt.

Gleichzeitig trägt und schleppt ein gehetzter Paketbote (Alexander Ebeert) immer mehr Pakete und Kartons in die Eckkneipe, die Marianne dann blitzschnell und geheimnisvoll verschwinden lässt. Was steckt hinter diesem seltsamen Verhalten? Hat Marianne etwa wirklich derart viele Ersatzteile für ihren Tresen bestellt?

Die Rixdorfer Perlen berlinern die Zuschauer um Kopf um Kragen, kippen Schnäpse und zerlegen ganz nebenbei gesellschaftskritische und kiezwichtige Themen clever in ihre Einzelteile. Sie mögen in sexy Wäsche oder von Kopf bis Fuß in Leopardenmuster gekleidet über die Bühne tanzen, aber sie haben auch etwas zu sagen! Sie sagen es eben bloß auf die Rixdorfer Art. Zu bekannten Melodien (Last Christmas, I want to break free…) werden zum Stück passende Lieder zum Besten gegeben, die fröhlich machen. Mitreissend! Witzig! Nachdenklich machend! Ein Heidenspaß! Verpasst nicht die neuste Show der Rixdorfer Perlen im Heimathafen Neukölln!

Weitere Informationen, den Spielplan und Karten gibt es hier.