Company 2, Scotch & Soda, Chamäleon Theater

Im Jahr 2017 ist das Festival Australia Now zu Gast in Deutschland, eine Initiative der Australischen Botschaft, deren Ziel es ist, die Vielfältigkeit der australischen Kunst- und Kulturlandschaft zu präsentieren, die weit über prächtige Landschaften, Surfer und Kängurus hinausgeht. Das Programm umspannt die ganze kulturelle Vielfalt von Ausstellungen über Theaterstücke und Konzerte bis hin zur Artistik. Und damit sind wir bei der Company 2, einer kleinen Contemporary Circus-Truppe aus Brisbane, die im Rahmen dieses Festivals zu Gast im Chamäleon am Hackeschen Markt ist. Die Gruppe wurde auf dem berühmten Adelaide Fringe Festival mit Aufmerksamkeit und Preisen überhäuft und dass sie nun für Berlin eine eigene Show auf die Beine gestellt haben, ist ein großes Glück für alle Fans von New Circus und Akrobatik! Das Chamäleon hat sich ja sowieso den Ruf erarbeitet, die besten und innovativsten Circusshows von Berlin (oder gar Deutschland?) zu präsentieren und bestätigt das mit diesem Coup erneut!

Eine Hochzeit im australischen Outback. Vor einem gestreiften Festzelt sammeln sich die Gäste und die Band. Fröhlicher Jazz fährt rasch in die Beine und lädt zum Tanz. Wie es sich für eine zünftige Feier gehört, gibt es natürlich einen peinlichen Onkel, der bereits zu sehr dem Alkohol zugesprochen hat und die Hochzeitsgesellschaft torkelnd in Aufregung versetzt. Bei dieser Party ist allerdings alles ein wenig anders, denn die Gäste schwingen sich kraftvoll über den Tisch im Zentrum der Bühne, balancieren schwerelos auf den Kisten und Kästen, die die Bühnendeko darstellen. Auch die vielen Flaschen, die die Gäste leeren, dienen als Akrobatikwerkzeug und werden kurzerhand unter die Kisten und Koffer drapiert, nur damit man dann in schwindelerregender Höhe Handstand darauf machen kann. Auf Hand auf Hand Akrobatik folgen Kunststücke an den Strapaten und am Aerial Ring, die dem Zuschauer den Atem rauben!

Ich schaue ja gern und oft Akrobatik und ich bin immer wieder überrascht, dass das Chamäleon Theater es immer wieder schafft, mich zu überraschen. Ich bilde mir immer ein, schon alles gesehen zu haben, aber dann bin ich doch wieder wie vor den Kopf geschlagen von diesem unglaublichen Können, dieser makellosen Körperbeherrschung und diesem Mut, den die Akrobaten da an den Tag legen, um Dinge zu zeigen, die man eigentlich für menschenunmöglich hält. Die Künstler wechseln wie eine gut geölte Performance-Maschine die Positionen, fliegen scheinbar über die Bühne, ohne jemals ihr Lächeln und ihre gute Laune zu verlieren.

Das Besondere an der Scotch & Soda Crew ist außer ihrem großen akrobatischem Können die Tatsache, dass eine Live-Band direkt mit auf der Bühne steht und auch in das Geschehen eingebunden ist. So hat man als Zuschauer schnell das Gefühl, wirklich inmitten einer fröhlichen Hochzeitsgesellschaft zu sein und man möchte am liebsten aufstehen und tanzen. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, ganz wie es sich für eine zünftige Feier gehört, gibt es neben nackten Tatsachen (der betrunkene Onkel, natürlich) auch eine handfeste Keilerei, bei der eine zarte junge Frau eindeutig die Oberhand behält. Und romantisch wird es auch, wenn der Bräutigam dann endlich die Herzallerliebste in seinen Armen hält.

Sehr zu empfehlen, wieder mal eine großartige, ungewöhnliche und feuchtfröhliche Sensationsshow im Chamäleon. Hier lohnt sich der Besuch wirklich immer! Auf der kleinen, aber feinen Speisekarte gibt es übrigens auch ein neues Highlight: Das Pulled Pork Sandwich ist ein Augen- und Gaumenschmaus!

Die Artisten und Musiker spielen insgesamt mehr als 170 Shows in Berlin, bis Ende August könnt ihr diese wilde Party noch erleben. Weitere Informationen und Infos gibt es hier. Die Musiker um Lucian McGuiness spielen übrigens am 30. April zum Tanz in den Mai auf, wer Swing und Lindy Hop liebt, kann um 21:30 einen kurzen Tanzkurs besuchen und ab 22 Uhr dann zu fescher Live-Musik den Rock schwingen und die Hosenträger schnalzen lassen!

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Darauf freue ich mich:

Nachdem ich das Jahr 2017 mit einer Erkältung eingeläutet habe, bin ich nun endlich wieder fit und freue mich auf viele tolle neue Veranstaltungen in Berlin! Und es gibt auch unglaublich viel zu erleben. Alle Häuser haben ihre Spielpläne herausgeputzt und man kann sich kaum entscheiden, wo man zuerst hingehen möchte.

Hier habe ich eine kleine Auswahl herausgepickt. Das sind Veranstaltungen, die ich in nächster Zeit besuchen möchte, von denen ich mir sehr viel verspreche und die ich euch schon im Vorraus ans Herz legen möchte. Eine komplette Auflistung soll/kann es natürlich nicht sein, nur meine persönlichen Highlights.

Ab dem 20. Januar gibt es in meinem allerliebsten Prime Time Theater eine neue Folge von GWSW! „Kalle – Umwege zum Glück„.

Ab dem 24. Januar ist die weltberühmte Rhythmusgruppe Stomp in Berlin und zwar im schönen Admiralspalast. Ob Mülltonnen, Besenstiele oder Fingerschnipsen, man kann mit allem Töne erzeugen. Ich habe die Show noch nie live erlebt und bin schon wahnsinnig gespannt! Nur wenige Termine!

Ab dem 31. Januar wird es dann magisch! Neun der besten Magiere und Illusionisten haben sich zusammengefunden und haben gemeinsam eine nie dagewesene Sensationsshow auf die Beine gestellt. Ebenfalls im Admiralspalast: The Illusionists.

Am 14. Februar ist Valentinstag! Und die wunderbare Ikenna, ihres Zeichens Berlins eigene Whitney Houston, gibt ein Konzert im wunderbaren Wintergarten Varieté. Einen romantischeren Abend gibt es wohl kaum.

Und ab dem 24. Februar gibt es dann im Wintergarten Varieté eine nigelnagelneue Artistikshow! Thema ist unsere Lieblingsstadt Berlin und es verspricht wieder mal ein Knaller zu werden.

In meinem liebsten Artistiktheater, dem Chamäleon, gibt es ab dem 25. Februar ebenfalls eine neue Show. Die australische New Circus Truppe „Scotch & Soda“ bringt atemberaubende Artistik und Jazz zusammen.

Es gibt also unheimlich viel, worauf man sich freuen kann!

©Nicole Haarhoff

 

 

Leo – Chamäleon Theater

Ein junger Mann steht in einem kahlen, nüchternen Raum. Der Boden ist rot, die Wände sind blau, außer einer nackten Glühbirne gibt es nichts zu sehen. Der junge Mann ist vielleicht ein Reisender, er hat zumindest einen großen Koffer dabei. Auf jeden Fall ist er ein Wartender. Gelangweilt, wütend, resigniert, er durchläuft alle Phasen des Wartens, das kann wohl jeder nachempfinden. Bis die dumme Glühlampe flackert. Ohne etwas anderes zu tun zu haben wird die Birne nun plötzlich zu seinem einzigen Fokus. Und um sie zu erreichen, muss er sich einiges einfallen lassen. Und während er sich dehnt, streckt, auf die Zehenspitzen stellt und die Wände hinaufzugehen versucht, wird ihm mit einem Mal eines klar: Da stimmt etwas nicht! Da ist irgendetwas anders in diesem Raum. Seine Krawatte zum Beispiel, die hängt nicht ordentlich nach unten, sie scheint der Schwerkraft zu trotzen und steht starr zur Seite ab. Zunächst irritiert, dann ängstlich und schließlich freudig erregt testet der Wartende nun aus, zu was er in diesem geheimnisvollen Raum so fähig ist. Er klettert die Wände hinauf und hinunter, hängt wie eine riesige Spinne in einem Winkel unter der Decke.

Der Trick hinter „Leo“ ist eigentlich ein ganz einfacher. Wir sehen den Reisenden, den Wartenden in seinem kleinen Raum, auf einer großen Leinwand, die links auf der Bühne steht. Neben der Leinwand gibt es noch einen weiteren Raum. Hier ist der Boden blau, eine Wand ist rot und eine andere ist ebenfalls blau. Es ist also der gleiche Raum, nur quasi auf die Seite gelegt. In diesem Raum befindet sich der Akteur tatsächlich. Wenn der Wartende sich in seinem Raum nonchalant mit einer Hand gegen die Wand gestützt entspannt, dann muss der Künstler im anderen Raum schweißtreibend horizontal zum Boden auf einer Hand stehend ausharren. Alles, was auf seiner Seite kompliziert und sportlich anstrengend wirkt, lässt der Wartende ganz einfach aussehen. Und wenn der Wartende etwas schier unglaubliches tut, wie zum Beispiel schwerelos unter der Decke kleben wie Spiderman – dann entspannt sich der Akteur auf dem Boden kauernd.

Einfach und mit einer solch wuchtigen Wirkung! Als Zuschauer weiß man schnell gar nicht mehr, wo man hinschauen soll! Der Charakter des Wartenden entwickelt ein Eigenleben und scheint eine ganz eigene Persönlichkeit zu sein, losgelöst von dem jungen Akteur auf der rechten Seite. Obwohl man die Lösung, das Geheimnis, eigentlich direkt vor den Augen hat, freut und wundert man sich mit ihm. Eine clevere und lustige Sinnestäuschung, die einen mitreisst und erstaunt. Absolut sehenswert.

Regie: Daniel Brière

Idee und Original-Darsteller: Tobias Wegner
Kreativproduzent: Gregg Parks
Licht und Setdesign: Flavia Hevia
Videodesign: Heiko Kalmbach
Animationen: Ingo Panke
Performer:William Bonnet, Julian Schulz and Tobias Wegner

Jeweils montags um 20 Uhr, nur bis zum 5. Dezember! Weitere Informationen und Tickets gibt es hier.

Flic Flac – The Modern Art of Circus – Höchststrafe – Zeltstadt am Zoo

Ich liebe Artistik. Ich liebe New Circus. Das ist wohl kein Geheimnis. Hier in Berlin ist es auf jeden Fall das Chamäleon Theater, das ich am ehesten empfehlen würde und in dem mich die Shows besonders begeistern. Aber natürlich müssen sich diese Shows den Gegebenheiten des Theaters und der Bühne anpassen.

Daher ist der Flic Flac Circus durch seine schiere Größe prädestiniert für Acts, die größer, schneller, lauter und krasser sind. Flic Flac ist eine Show der Superlativen. Jede einzelne Nummer ist gefährlicher, spektakulärer und aufsehenerregender als die vorherige. Und damit meine ich nicht nur die Motorrad Stunts, für die der Circus berühmt ist, sondern auch die außergewöhnlichen Artistiknummern. Ich habe 2013 das vorherige Programm des Circus gesehen, damals war die Zeltstadt in der Nähe des Hauptbahnhofes erichtet worden und ich war vollkommen begeistert!

Nun ist Flic Flac endlich wieder in Berlin, im Gepäck das neue Programm „Höchststrafe“, das am 20. Oktober seine Berlinpremiere feiert und danach bis in den Dezember hinein hier zu sehen sein wird. Ich hatte die Chance, bei einer der Previews dabei zu sein und war wieder vollkommen hin und weg! „Höchststrafe“ spielt, wie man es schon ahnt, in einem Gefängnis. Die Story zieht sich als roter Faden durch alle Nummern, die Artisten und Auftretenden sind, bis auf eine einzige Ausnahme, in abgewrackte Gefangenenkleidung gekleidet. Es gibt einen großen Käfigaufbau wie aus dem Video zu Elvis‘ Jailhouse Rock, in dem sich die Liveband befindet.

22fc4187d240c075a83c8d71f9427c32Nach einem Aufruhr auf dem Gefängnishof werden die Insassen von den Wärtern zurück in ihre Zellen getrieben, nur zwei Gefangene führen ihren „Kampf“ weiter: Dima & Dima, die Partnerakrobatik der Sonderklasse zeigen. Irina Rizaeva sitzt wie Harley Quinn in einem gläsernen Käfig, nur trinkt sie nicht Espresso sondern jongliert rasend schnell mit leuchtend pinken Bällen.

 

Laura Miller ist eine fliegende Wassernixe, die auch das Feuer nicht scheut. Ein atemberaubender und sehr sexy Anblick, ebenso auch Anastasia Masur, die gelenkig und stark wie eine Schlangenfrau Equilibristik auf einem Polizeiwagen zeigt. Viktar Shainoha nutzt die ganze gigantische Größe des Flic Flac Zeltes für seine grandiose Darbietung an den Strapaten. Jeder einzelne Artist ein absoluter Könner seines Faches! Man sieht im Publikum nicht wenige Hände, die geschockt vor Münder geschlagen werden.

Weil eine Besonderheit die nächste jagt, ist es schön, wenn das Tempo auch manchmal gedrosselt wird. Einmal ist es der Clown/Tänzer/Jongleur Patrick Lemoine, der einzige Auftretende ohne Gefängniskluft, der mit viel Charme und Witz das Publikum zu fesseln weiß. Und einmal das Artistikduo Dmytro Turkeiev und Julia Galenchyk, die eine zarte Liebesgeschichte in luftiger Höhe an den Strapaten zeigen. Durch die Musik und die sanften Gesten entschleunigt die Nummer ganz wunderbar, sodass man gewappnet ist, für das Todesrad mit waghalsigen Artisten, die selbst Seilspringen auf den Außenwänden des sich rasant drehenden Gefährts. Man möchte gleichzeitig die Augen schließen und doch immer hinschauen!

Und die wagemutigen Motorradfahrer mit ihren grandiosen Stunts. Sie springen scheinbar direkt aus den Zuschauerreihen auf eine riesige Rampe in der Manege und haben dabei im Flug manchmal nur die Fingerspitzen an ihrem Motorrad! Unglaublich! Atemberaubend! Ein wahnsinniges Adrenalinhigh, selbst wenn man nur zuschaut! Bei der Nummer auf dem Drahtseil allerdings, bei dem nicht nur Sprünge, Salti und rückwärts-laufen in schwindelerregender Höhe angesagt sind, sondern auch eine Pyramide aus sieben Mann, da ist mir wirklich ein Schauer über den Rücken gelaufen! Ich hatte sicher viel mehr Angst als die todesmutigen Leute auf dem Seil!

Nicolai Kuntz zeigt Diabolo Kunststücke, natürlich besonders rasant und – wie sollte es auch anders sein – besonders hoch, schnell und weit. Und er kann, mit Hilfe seines Schwungtrapezes auch noch fliegen! Dandino und Luciana sind Rollschuhkünstler, was sie darbieten, das habe ich wirklich noch nie gesehen! Auf einem kleinen Podest dreht sich Dandino blitzschnell, während Luciana, nur mit ihren Knöcheln an ihm hängend, wie eine menschliche Schleuder herumgewirbelt wird! Noch schneller im Kreis geht es dann nur noch im Globe of Speed, der riesigen Metallkugel, in der sich tatsächlich ZEHN!! Motorradfahrer bewegen! Zehn! Weltrekord. Man kann kaum hinsehen.

Eine grandiose, unglaubliche, atemberaubende Show. Nicht nur ist jede einzelne Nummer sehr sehenswert, das ganze Drumherum ist unglaublich professionell und fachkundig gestaltet. Von den Multimedia Toiletten bis hin zu der sehr guten Punk-Liveband und der kleinen Geschichte, die den ganzen Abend zu einem Ganzen zusammenführt. Unbedingt hingehen! Nicht verpassen! Diese Show ist auch etwas für den ausgehmuffeligen Partner und den rebellischen Teenager.

Weitere Informationen und Karten hier. Die Zeltstadt befindet sich direkt hinter dem Bahnhof Zoo, Anreise mit den Öffis also superleicht!