Macbeth – Monbijou Theater

Meine Güte – das war ein schlechter Sommer für Open Air Veranstaltungen! Die Saison ist fast vorbei und erst jetzt habe ich es endlich mal geschafft, ins Monbijoutheater zu gehen und die Stücke der Saison anzuschauen. Bei diesem durchwachsenen Wetter ist es wirklich schwer, mal einen lauen Sommerabend abzupassen, bei dem man eine der schönsten Open Air Sommerbühnen von Berlin so richtig genießen kann. Denn wunderschön ist das Monbijoutheater ja nun einmal, da kann man nichts sagen. Die Tänzer an der Spree, die sich unter bunten Lichtern, mit dem imposanten Bodemuseum im Hintergrund, zu Live Musik drehen. Die gigantischen Pizzen und die Drinks von der Bar, die direkt am Theater anschließt. Man hat das Gefühl, als wäre man plötzlich im Urlaub, an einer der belebten Touristenmeilen in Italien oder Spanien. Wenn man in der Schlange auf den Theatereinlass wartet, dann bietet ein fliegender Händler Brezn feil und Pizzen werden durch die Reihen gereicht.

Im Holzrund des Monbijoutheaters ist zum Thema des Abends ein Globe Theatre im Miniformat errichtet worden. Der Aufstieg und Fall des Macbeth beginnt, wie sollte es auch anders sein, mit den drei Hexen, die im wallenden Nebel ihre durchtriebenen Pläne schmieden. Sie flüstern Macbeth und seinem Begleiter Banquo eine große Zukunft ein und die ehrgeizige, machtgierige Lady Macbeth hört davon nur zu gerne. Sie ist es, die ihren Mann dazu drängt, mit Mord und Totschlag nach Höherem zu streben. Das Paar wirkt manchmal wie ein Prenzlauer Berg Powercouple, wenn sie ihn hochnäsig beordert, doch endlich wie ein Mann zu agieren, woraufhin er zappelt und druckst. Die beiden sind überraschend witzig und bis sie in einen wahren Blutrausch verfallen und McDuffs Familie aufs Grausigste hinrichten, ist das Publikum ganz auf ihrer Seite. Vor allem die herrische und sarkastische Lady Macbeth bekommt viele zustimmende Lacher aus dem Publikum.

Dem traurigen Ende der Fehde um den schottischen Königsthron können aber auch die Macbeths nicht entrinnen, auch nicht im gemütlichen Monbijoutheater. Wie es sich für die bekannteste Shakespeare Tragödie geziemt, sind am Ende Sand und Kostüme in Blut getränkt und das Publikum jubelt! Eine tolle Inszenierung des schwierigen Stoffes, pointiert inszeniert und trotz aller Blutlust sehr sympathisch und fröhlich. Das muss man erst einmal hinbekommen! Auch die Kostüme sind, wie man es im Monbijou gewohnt ist, fantasievoll und hinreißend. Ich hoffe für den nächsten Sommer mit besserem Wetter, um wieder öfter in dieses schöne Open Air Theater gehen zu können! Haltet Ausschau nach dem neuen Programm, ein Besuch im Monbijou lohnt sich immer!

©Nicole Haarhoff

 

 

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Fly, Edith, Fly – Ades Zabel & Company, BKA-Theater

Eigentlich bin ich ja eher eine Feindin von Schlagern. Wenn aber Edith Schröder und ihre Freundinnen auf der BKA-Bühne stehen, dann ist das der einzige Moment, in dem ich Schlagermucke nicht nur ertrage, sondern sogar fröhlich mitwippe! Sogar mitschunkeln und mitklatschen ist manchmal drin. Ich frage mich, woher ich die Lieder eigentlich kenne, obwohl ich seit jeher keine Schlager mag? Aber irgendwie saugt man die anscheinend auf, auch gegen seinen Willen. Und Ades Zabel & Company nehmen die nervigen Ohrwürmer und machen witzige Kracher daraus!

Für alle, die Edith Schröder noch nicht kennen, hier ein kleiner Crashkurs: Edith Schröder (Ades Zabel) ist eine Hartz8-Empfängerin aus dem schönen Neukölln. Sie trägt schrille Kik-Klamotten, lacht dreckig und trinkt gerne Futschi. Ihre allerbesten Busenfreundinnen sind Jutta Hartmann (Bob Schneider), die im Vorderhaus eine Kneipe betreibt und Brigitte Wuttke (Biggy van Blond), die eine Leggings-Boutique besitzt. Die drei Neuköllner Damen sind seit ewigen Jahren gute Freundinnen und Saufkumpaninnen. Jutta und Brigitte sind recht rege und erfolgsorientiert, immer wieder mal haben sie eine brandneue Idee, um sich in der Neuköllner Hipsterschwemme zu behaupten. Edith dagegen interessiert sich vor allem für Futschi (River Cola und Chantre, im Verhältnis 20:80) und schwankt bei den Abenteuern ihrer Freundinnen fröhlich immer mal wieder in den Weg.

Im neusten Abenteuer der drei feschen Mädels steht Berlins größte Bauruine im Mittelpunkt: der BER. Der ist gleich von doppelter Bedeutung für unsere Edith, denn erstens hat sich ihre beste Freundin Jutta einfach auf und davon gemacht, nach Malle! Um am Ballermann eine Schlagerkneipe zu eröffnen! Ohne Edith Bescheid zu sagen!! Und zweitens zieht es Brigitte hinaus zum BER, denn dort will sie nach der Eröffnung eine Filiale ihrer Leggings-Boutique eröffnen und schon mal zur Probe einziehen. Edith soll als Probekundin mitkommen und so stolpern die beiden Grazien bald auf High Heels durch die endlosen leeren Hallen. Lange hält es Edith aber natürlich in keinem Job aus und stattdessen macht sie sich mit Zufallsbekanntschaft Horst (Roman Shamov) in seinem klapprigen Flugzeug auf nach Mallorca, um die abspenstige Jutta wieder zurück an den heimischen Biertresen zu holen.

Die neuste Folge der zeit-und schrankenlosen Neuköllnsaga um Edith Schröder und ihre schrillen Freundinnen besticht mit vielen tollen Videoeinspielungen, mit grandiosen Polyesterkostümen, Dirndls, Schlagern und haufenweise Diskoschnee. Es wird gesoffen, geblasen, geschnieft und gelacht, was das Zeug hält. Ein unglaublicher Spaß für Fans und Möchtegern-Fans, die das Ungewöhnliche lieben. Werft euch in eine krassbunte Bluse mit Glitzerapplikationen, holt euch was von der Bar und bewundert die Dancemoves von Ades, Bob und Biggy, Biggys berühmte endlose Beine in Leopardenprint und kommt mit nach Malle an den Ballermann! Futschi für alle!!

Bernd Mottl Regie
Sven Ihlenfeld Musikarrangements, Sound- und Videodesign
Jörn Hartmann Graphik & Filmeinspieler
Jenny Dechêne Ausstattung & Kostüm
Moritz Piefke Choreographie & Requisiten
Josep Maria Jorda Lichtdesign

Weitere Termine im Juli, Ende August und dann den ganzen September über! Informationen und Tickets bekommt ihr hier. Besonderes Schmankerl, besonders geeignet für Neu-Fans und Neugierige: Am 30. Juli gibt es ein Open Air, in der Hasenheide, „Edith Sommernachtstraum“ mit Best of the Best aus vielen Jahren Ades Zabel & Company! Und Vorband ist niemand anders als Kaiser & Plain, Schwärmereien findet ihr hier und hier. Geht hin, schaut es euch an, lasst euch überzeugen, habt ganz viel Spaß!

©Nicole Haarhoff

 

Inside IS – Grips Theater Hansaplatz

Ich finde es immer wieder bewundernswert, wie das Grips Theater es schafft, mit einfachen Mitteln und wenigen, doch kraftvollen Worten, ganz große Geschichten zu erzählen. Auch bei Inside IS ist das Bühnenbild nicht allzu aufwendig, die Kleidung und die Hilfsmittel, mit denen sich die Schauspieler auf der Bühne in ihre verschiedenen Rollen verwandeln, befinden sich in großen Holzklappen versteckt, auf denen die Geschichte auch stattfindet.

Im Sommer 2014 sprach der deutsche Journalist Jürgen Todenhöfer via Skype mit mehreren deutschen Islamisten. Ihn interessierte, aus welchem Grund sich die Männer und Frauen dafür entschieden hatten, sich dem Islamischen Staat anzuschließen. Er wollte wissen, warum gerade so viele junge Leute, in Europa aufgewachsen und erzogen, sich zu solch einem strikten, unmenschlichen Regime hingezogen fühlen. Was lockt zum Beispiel auch junge Mädchen, warum wollen sie die Frau eines IS-Kämpfers werden? Was sind das für Mädchen und Jungen? Nach vielen Gespächen fährt Todenhöfer im November 2014 schließlich als erster westlicher Reporter nach Mossul, in die IS-Hochburg, und führt dort diverse Interviews. Anhand seines 2015 erschienem Buch „Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat“ entstand nun dieses Theaterstück, in dem sowohl die Reise von Todenhöfer dargestellt wird, als auch einige Schicksale von jungen Leuten nachgezeichnet werden, die nach Syrien gingen und von denen nicht alle wieder heimkehrten.

Eine spannende, nachdenklich machende Geschichte ist entstanden. Die Jugendlichen, deren Wege wir hier verfolgen, sind ganz normale Jugendliche, ihre Wünsche und Träume ganz alltäglich, aber ihre Entscheidungen sind es nicht. Theaterautor Yüksel Yolcu hat aus Gesprächen, die er mit einem Iman führte, der mit jungen Moslems im Gefängnis arbeitet, sowie dem Buch „Inside IS“ eine breitgefächerte Darstellung von Problemen und Sorgen erarbeitet, von Sehnsüchten und Erwartungen, die junge Leute dazu getrieben haben, sich dem IS zuzuwenden. Sich zu radikalisieren, sich von der Familie abzuwenden, in den Krieg zu ziehen. Yolcu lässt den Iman zu Wort kommen, eine Mutter, die fassungslos auf den Weg schaut, den ihr Sohn eingeschlagen hat, Jugendliche und junge Leute, manche zurück in Deutschland, manche, die nie wieder zurückkehren werden. Und er stellt die Frage, was wir, was die Gesellschaft, was Deutschland getan hat und tut, um solche Lebenswege zu ermöglichen. Unterstützen wir es gar, das Jugendliche sich derart radikalisieren?

Eine starke, aufrüttelnde Geschichte. Ein spannender Theaterabend. Ich denke, das größtmögliche Kompliment für das Grips Theater und die Schauspieler ist folgendes: Als wir uns setzten, war das Publikum durchsetzt von ziemlich lautstarken Teenies, während der Vorstellung war es mucksmäuschenstill.

Inside IS kann man im Juli noch am 4. und am 6. sehen, jeweils mit anschließendem Publikumsgespräch, danach erst wieder im September! Weitere Infos und Karten gibt es hier.

Auftretende: Esther Agricola, David Brizzi, Patrik Cieslik, Christian Giese, Florian Kroop und Asad Schwarz. Musik: Thomas Keller, Sonny Thet.

©Nicole Haarhoff

 

Bette & Joan, Désirée Nick und Manon Straché am Theater am Kurfürstendamm

Ein schwieriger Film, ein geradezu grotesker Film: What ever happened to Baby Jane? Der 1962 von Robert Aldrich gedrehte Thriller handelt von den Schwestern Jane und Blanche. Während Jane als Kinderstar Erfolge feiert, steigt Blanche erst in älteren Jahren zum großen Filmstar auf, ihre Schwester dagegen verschwindet sang- und klanglos aus dem Rampenlicht. Auf dem Zenit ihres Erfolges hat Blanche dann aber einen furchtbaren Autounfall und ist danach an einen Rollstuhl gefesselt. Die beiden Schwestern leben, Jahre später, vom Schicksal ungewollt aneinander gebunden, zurückgezogen in einer Hollywood-Villa. Beide zehren von vergangenem Ruhm, von verlorenem Glanz. Jane ist mittlerweile Alkoholikerin und lebt größtenteils in einer Traumwelt. Als sie immer mehr den Bezug zur Realität zu verlieren droht, versucht Blanche Hilfe zu alarmieren und Jane einweisen zu lassen. Doch, hilflos an den Rollstuhl gefesselt und ihrer Schwester ausgeliefert, kann sie kaum etwas tun. Und Jane rächt sich für jedes Aufbegehren mit immer grausigeren Strafen. Für Blanche scheint es keinen Ausweg zu geben und die Schwestern trudeln unausweichlich auf einen Abgrund zu, vor dem es kein Entrinnen gibt – vielleicht für keine von ihnen.

1962 – die Glanzzeit des Kinofilms ist vorbei, der Aufstieg des Fernsehens beginnt. Hollywood befindet sich mitten in einem heftigen Umbruch. Für seinen Film What ever happened to Baby Jane? kann Regisseur Aldrich die Hollywooddiva Joan Crawford gewinnen, die sich zu diesem Zeitpunkt schon weitestgehend aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hatte. Nach ihrer Hochzeit mit Pepsi-Mogul Alfred Steele widmete sie sich vor allem der Werbung für diesen Konzern. Crawford gelingt es wiederum, Bette Davies zu überzeugen. Die beiden Sterne der goldenen Filmära sind mittlerweile am verglühen. Die Frauen, denen schon lange eine böse Rivalität von der Presse angedichtet wurde, kämpfen beide auf ihre Art damit, unsanft vom Thron gestoßen worden zu sein.

Im Theater am Kudamm wird nun in Bette & Joan erzählt, wie diese beiden großen Diven aufeinandertreffen. Bei den Dreharbeiten zu diesem Thriller, sie spielen Schwestern die einander hassen und fürchten und doch nicht loslassen können. Man sagte, sie wären auch im wahren Leben Feindinnen gewesen, aber waren sie das wirklich? Waren sie nicht eher Leidensgenossinnen? Kämpferinnen für ihre Rechte, in einer männerdominierten Welt? Starke, unnachgiebige Persönlichkeiten, die sich, jede auf ihre Art, bis nach ganz oben gearbeitet hatten? Bei einem Blick in ihre Garderoben am Set von What ever happened to Baby Jane? können wir zuschauen, wie zwei große Egos aufeinander prallen.

Manon Straché spielt Bette Davies, die wiederum Jane spielt. Joan Crawford, die im Film die an den Rollstuhl gefesselte Blanche darstellt, wird am Kudamm von Désirée Nick gespielt. Ich bin ziemlich sicher, besser hätte man die beiden Grand Dames gar nicht besetzen können. Die Nick geht ganz auf in ihrer Rolle der dem Alkohol recht zugetanen Crawford, die geradezu besessen von ihrem Äußeren ist. Und die Straché brilliert als kühl-intelligente, niemals um eine Spitzfindigkeit verlegene Bette Davies. Ein Kampf der Titanen, ein spannend anzusehenes Theater-Biografie um zwei der schillernsten Gestalten Hollywoods, die doch auch einfach Frauen waren, mit Liebes- und Familienproblemen, mit Geldsorgen und immer mit einem bangen Auge auf den Presseartikeln.

Ein kleines Stück Hollywoodgeschichte bei uns am Kurfürstendamm. Noch bis zum 23. Juli, weitere Infos und Karten gibt es hier.

Regie: Folke Braband
Ausstattung: Stephan Dietrich
Musikalische Leitung: Felix Huber
Kamera und Schnitt: Takis Pagonis

 

 

Frau Müller muss weg – Komödie über einen Elternabend – Grips Theater Hansaplatz

Seit mehreren Jahren begeistert das Stück „Frau Müller muss weg“ schon das Publikum im Grips Theater am Hansaplatz. Premiere war am 4. Februar 2012 und nun habe ich es endlich auch einmal geschafft, mir die vielgelobte Komödie von Sönke Wortmann anzuschauen. Von allen Seiten wurde mir das Stück ans Herz gelegt und empfohlen, endlich bin ich dem Ruf gefolgt und war natürlich prompt ebenfalls begeistert!

Ein Klassenzimmer wie überall in Deutschland, unbequeme, zerkratzte Holztische mit Ausrichtung auf das Herbstprojekt. Liebevoll wurde aus Kastanien und bunten Blättern eine große Herbstauslage gebastelt. Drumherum versammeln sich fünf festentschlossene Eltern. Man ist nicht zum Spaß hier: Frau Müller muss weg! Die fünf ganz unterschiedlichen Frauen und Männer haben eins gemeinsam: ein Kind, dessen Noten voraussichtlich nicht sonderlich gut sein werden und dessen Übergang ins Gymnasium gefährdet ist. Die Möglichkeit der Integrierten Sekundarstufe (oh Schreck!) hängt wie ein Damoklesschwert über den besorgten Erziehungsberechtigten. Jessica (Katja Hiller, wie immer grandios) hat sich zur Rädelsführerin erklärt. Die coole Geschäftsfrau ist sich der Probleme ihrer rebellischen Tochter mehr als bewusst, sie trägt da keine rosarote Brille. Das soll aber kein Hindernis für ihren missratenen Sprößling (Orginalton Jessica) sein, aufs Gymnasium zu gehen. Marina und Patrick Jeskow (Nina Reithmeier, Roland Wolf) sind neu in Berlin, ihr Sohn ist ein ganzheitlich aufwachsendes Engelchen, das im feindlichen Umfeld der neuen Klasse nicht richtig wachsen und sich entfalten kann, der arme Kleine. Wolfs Tochter wird von ihrem Vater (René Schubert) erbarmungslos in Richtung Schulerfolg gepeitscht, allerdings ist es natürlich Frau Müllers Schuld, dass sich das arme Kind vor Schule und Misserfolg fürchtet. Der cholerische Papa will schließlich nur das Beste für seine Kleine! Und dann ist da noch Katja (Esther Agricola), deren Sohn der Klassenprimus ist, aber der Solidarität wegen ist sie an diesem Abend ebenfalls angetreten, um Frau Müller aus ihrem Job zu kicken. Sie hat für dieses Anliegen allerdings als einzige auch ein Strauß Blümchen dabei.

Nachdem der Kampfplan fertig ist, kommt sie auch schon, die Schuldige. Frau Müller (Regine Seidler) ist überrascht von dem einberufenen Elternabend und blickt den versammelten Eltern arglos-verwirrt entgegen. Auf den freundlich formulierten Rauswurf mit Blumenstrauß reagiert sie zunächst überrascht und ruhig, mit den Vorwürfen und Anschuldigungen wächst aber ihr Unmut und schließlich auch ihre Wut. Auf die versammelte Elternschar warten einige unschöne Wahrheiten und am Ende des Abends kommt alles ganz anders, als es die Kämpfer für die vermeintliche Gerechtigkeit erwartet und erhofft hatten.

Spitzzüngige und scharfäugig beobachtete Komödie der Eitelkeiten, in denen sich die Gemüter an Abschlusszeugnissen, Bastelprojekten und Gesprächsrunden erhitzen. Prenzlbergeltern, Erklärbären, rasende Helikopterpiloten, Karrierefrauen und immer wieder eins: Noten, Noten, Noten! Dabei zerfleischt sich das Ehepaar Jeskow genüsslich gegenseitig, Geschäftsfrau Jessica will die Sache schnell und einfach wie eine feindliche Übernahme abarbeiten und schießt dabei gerne auf Feinde wie auf Verbündete. Wolf sieht vor allem sich selbst, Ossi, arbeitslos, zurückgelassen, als Opfer und seine Tochter gleich mit. Umso wütender macht ihn Lehrerin Müller. Und Katja, stolze Strebermama, flattert wie ein Fähnchen im Wind von Meinung zu Meinung.

Jeder Schauspieler, jede Schauspielerin passt perfekt in seine, ihre Rolle, allen voran Katja Hiller als zackig-scharfe Kostümchenträgerin, die ihre missratene Schlägertochter mit allen Mitteln durchboxen will. Auch das Ehepaar Jeskow wird so lebensecht und gut beobachtet dargestellt, dass es beinahe schmerzhaft ist, ihnen zuzusehen. Wutbürger Wolf ist genauso aus dem Leben gegriffen und zielsicher dargestellt wie die sanfte Opportunistin Katja.

Hochamüsant! Böse. Fies. Schlau. Witzig!

Am 19. und 20. Oktober wieder im Grips Theater, falls es jemand von euch auch noch nicht gesehen hat. Spielplan und Karten gibt es hier.

©Nicole Haarhoff

Wir sind die Neuen – Theater und Komödie am Kurfürstendamm

Damit hätte die Umweltbiologin Anne (Claudia Rieschel) nun wirklich nicht gerechnet: Mehr als 40 Jahre nachdem sie ihre Studenten-WG hinter sich gelassen hat, sieht sie sich plötzlich wieder damit konfrontiert, Mitbewohner zu brauchen. Ihr Job war zwar gut für ihr Gewissen und für die Umwelt, aber leider gar nicht gut für ihren Geldbeutel. Sie kann sich das Leben in der Stadt einfach nicht mehr leisten! Und aufs Land möchte sie auf keinen Fall ziehen. Was bleibt ihr also anderes übrig, als ihre alten Kommilitonen und Ex-Mitbewohner zu kontaktieren und ihre Hippie-Kommune neu zu beleben.

Nicht alle Studenten von damals sind von der Idee begeistert, aber schließlich findet sich Anne mit dem sozial engagierten Juristen Johannes (Heinrich Schafmeister) und dem Lebemann Eddi (Winfried Glatzeder) in einer WG wieder. Fröhlich beginnen die Drei, ihre wilde Studienzeit wieder aufleben zu lassen, mit lauter Musik und nächtelangen Streitgesprächen. Allerdings haben sie die Rechnung ohne ihre Nachbarn von oben gemacht. Dort leben nämlich die schnöseligen jungen Studenten Thorsten (Eric Bouwer), Katharina (Luise Schubert) und Barbara (Annalena Müller). Die sind im Prüfungsstress und haben absolut keinen Bock auf ihre neuen Nachbarn und ihren Lärm. Ganz im Gegenteil. Sehr von oben herab und abschätzig machen sie den Neuen unmissverständlich klar, dass die Senioren von ihnen keine etwaige Hilfe bei Einkäufen, Trips zur Apotheke oder sonstigem erwarten dürfen.

Die Fronten sind geklärt und die Stimmung fortan angespannt. Die jungen Studenten ätzen recht bösartig und trommeln bei jedem Lärmverstoss mit dem Besenstiel auf den Boden. Die Alt-Hippies haben ihre anfängliche Freundlichkeit schnell aufgegeben und reagieren mit Unverständnis auf die steifen und uncoolen Kids von heute. Ihre Studienzeit war eindeutig sehr viel lockerer! Dafür ist das Alter nichts für Feiglinge! Anne wurde von ihrem Mann für eine Jüngere verlassen, Eddis Frau und seine Kinder sprechen nicht mal mehr mit ihm.

Als den Schnöseln von oben plötzlich all das Studieren zu viel wird und außerdem Liebeskummer sie plagt, da ist das Wissen und die Hilfe der Alten dann doch gefragt. Ganz ohne Reibereien geht die langsame Annährung der Generationen nicht ab, aber es stellt sich schließlich heraus, dass man sich doch gegenseitig helfen kann.

Der neuste Streich im Theater am Kudamm ist ein sehr witziger Generationenkonflikt, in dem die Rollen vertauscht sind: Die Jungen sind es, die erst mal runterkommen müssen und die Alten sind es, die sich langsam über den Ernst des Lebens klar werden müssen. Sowohl die Spießer in der oberen Wohnung als auch die Revoluzzer in der unteren Wohnung sind großartig besetzt! Die garstigen und hochamüsanten Dialoge fliegen und funkeln nur so zwischen den Kontrahenten.  Sehr sehenswerte und unheimlich lustige Theaterfassung des Erfolgsfilm von 2014! Die Aufteilung der Bühne, so das man quasi in beide Wohnungen gleichzeitig hineinschaut, ist großartig gelöst. Unbedingt anschauen!

Regie: Martin Woelffer, Bühne und Kostüm: Stephan Fernau

Weitere Informationen und Karten gibt es hier. Ein Blick in den Spielplan lohnt sich, außer einigen spannenden Wiederaufnahmen wartet dort im Juni die Premiere von Bette & Joan, auf die ich mich schon sehr freue! (Manon Straché und Désirée Nick)

"Wir sind die Neuen" in der Komoedie am Kurfuerstendamm
„Wir sind die Neuen“, Eine Komoedie nach dem gleichnamigen Film von Ralf Westhoff, Theaterfassung von Juergen Popig Premiere am 30.04.2017 in der Komoedie am Kurfuerstendamm (bis 11.06.2017) Regie: Martin Woelffer Regie-Assistenz: Manuel Edler Buehne & Kostuem: Stephan Fernau Personen: Heinrich Schafmeister (als Johannes) Winfried Glatzeder (als Eddi) Claudia Rieschel (als Anne) Eric Bouwer (als Thorsten) Luise Schubert (als Katharina) Annalena Mueller (als Barbara) © MuTphoto/ Barbara Braun Tel.: +49(0)177/2944802 e-mail: bb@mutphoto.de

 

Klassenkampf – Musical – Heimathafen Neukölln

Constanze Behrends hat das Prime Time Theater im Wedding, eines meiner absoluten Lieblingstheater, mitbegründet und hundert Folgen der erfolgreichen Wedding-Sitcom „Gutes Wedding, Schlechtes Wedding“ geschrieben, hat Regie geführt und einige der besten Rollen der Serie selbst gespielt (zum Beispiel Ulla, die runde, fleischliebende Mutter der Punkerin Ratte!). Nun wandelt sie auf neuen Wegen und hat diverse eigene Projekte am Start, was ich mit Argusaugen beobachte, weil ich ihren Humor und ihre scharfen Beobachtungen der zwischenmenschlichen Schrullen und Eigenheiten großartig finde. Zwei ihrer aktuellen Stücke laufen im schönen Heimathafen Neukölln, „Beziehungskiste“ und „Klassenkampf“, das Stück, das ich am Wochenende gesehen habe.

An der Neuköllner Karl Marx Schule ist das Chaos groß, leider nur nicht groß genug. Die knallharte Rektorin Frau Eisner (Constanze Behrends) äugt eifersüchtig auf den Rütli-Campus. Ach, gäbe es doch an ihrer Schule auch einen Brandbrief! Oder irgendeinen handfesten Skandal, um mediale Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Marode sind schließlich alle Berliner Schulen, damit lockt man die Sensationspresse nicht hinterm Ofen hervor.

In der Assi-Klasse (Arbeit statt Strafe Initiative) hat sich derweil längst Resignation breit gemacht. Chill mal, ist die Parole, die der ambitionierte Sozialpädagoge Lars (Tom-Veit Weber) immer wieder an den Kopf geknallt bekommt. Sein aufbauendes Gitarrenspiel ruft bei den Schülern eher Fremdscham hervor. Vor allem Drogendealer und Schläger Samir (Walid Al-Atiyat) reagiert mit Abwehr. Die aggressive Gülcan (Lodi Doumit), die zarte Trinkerin Rosa (Romina Küper), der obercoole Ali (Ugur Kaya) und der schlaue Lex (Florian Bamborschke), die alle als Strafe zusammen mit der Hausmeisterin Frau Karl die Wände schrubben sollen, wissen gar nicht so recht, warum, wieso und gegen wen sie sich eigentlich auflehnen sollten. Dass an ihrer Schule nicht alles in Ordnung ist, das wissen sie, klar. Aber wenn sie ihre Probleme formulieren sollen, dann sind sie sprachlos.

Dabei haben sie eigentlich genug, worüber sie reden müssten. Samir kümmert sich allein um seine kleinere Schwester. Rosas Eltern liefern sich eine epische Scheidungsschlacht. Lex‘ Eltern sind vor Jahren dem Bosnienkrieg entflohen, aber nie wirklich in Deutschland angekommen. Dazu kommen Banden, Gewalt und Drogenprobleme in der Schule. Als „NDH“-Schüler, also nicht deutscher Herkunft, fühlen sie sich alle unverstanden und von den deutschen Lehrern im Stich gelassen. Auf die schlechten Zukunftsprognosen, die Rektorin Eisner ihnen pauschal überhilft, reagieren sie mit gespieltem Gleichmut. Chill mal.

Hausmeisterin Karl (Christiane Ziehl), die ihre karge Rente aufbessern muss, ist es, die den Assis zum ersten Mal von Kommunismus erzählt, von der DDR und den Gedanken, die Marx und Engels einst formulierten, die aber niemals erfolgreich umgesetzt wurden. Die Jugendlichen sind begeistert. Vor allem Samir ist vom Gedanken der Revolution gefesselt. Schnell läuft allerdings alles aus dem Ruder und die eigentlich gewaltfreie Aktion der Schüler wird zu einem Politikum, als die haifischartige Reporterin Hanna Köster (Britta Steffenhagen) Blut wittert und aus dem arglosen Ali einen gewaltbereiten Terroristen mit einer Bombe macht.

Wer jetzt allerdings an ein dröges, schwieriges, niederschmetterndes Stück erwartet, ist vollkommen schief gewickelt. Das liegt nicht nur an den vielen tollen Songs, die vor allem die vier „Assis“ großartig darbieten, sondern auch daran, dass das Stück sehr witzig ist. Constanze Behrends hat einfach ein Händchen dafür, schwierige und kontroverse Themen lustig zu verpacken, sodass der Zuschauer zwar zum Nachdenken angeregt, aber auch gut unterhalten wird! Obwohl so viele wuchtige Themen angesprochen werden, hat man nicht das Gefühl, als würden diese auf die leichte Schulter genommen.

Klassenkampf kann man noch am 19. und 20. April, sowie am 12. und 13. Mai erleben, am 19. gibt es außerdem ein von Theaterscoutings organisiertes Publikumsgespräch mit Constanze Behrends. Weitere Infos und Karten hier.

Text und Regie: Constanze Behrends
Musik: Tillmann von Kaler zu Lanzenheim
Regieassistenz: Philipp Hardy Lau
Kostüm: Gregor Marvel
Bühne: Julia von Schacky
Requisite: Caro Walter