Christine Bovill – Christine Bovill’s Paris – Bar jeder Vernunft

Mein Vater erzählt auf Familienfeiern immer wieder gerne, dass ich als kleines Mädchen nicht nur gerne weinte, sondern dass ich mein eigenes kleines trauriges tränenüberströmtes Gesicht gern dabei beobachtete. Ich war also schon immer fasziniert von Traurigkeit und suhlte mich anscheinend gar gern ein wenig darin. Und das mag der Grund dafür sein, dass ich heute Chansons so gerne mag. Schließlich schwingt in den Chansons der Goldenen Chansonära, von Piaf oder Brel oder Trenet, immer ein Hauch Dramatik mit, immer das ganz große Gefühl, die tiefe Verzweiflung, die sehnsüchtige Liebe.

Und gestern Abend bot das wunderschöne Veranstaltungszelt Bar jeder Vernunft wieder einmal einen unvergesslich wunderbaren Chansonabend, der lange in Herz und Seele nachhallte. Christine Bovill verwandelte das Zelt in eine verruchte Pariser Kneipe, durch den der Rauch teurer Zigaretten und noch teurer Parfüms wehte, während die Herren ihren Damen die Stühle zurechtrückten. Wertvolles Geschmeide schien im Kerzenlicht mit extravaganten Abendroben um die Wette zu schimmern. Die Glasgower Chansonette, die tagsüber Sprachen unterrichtet, nachdem sie sich als Teenie in Edith Piaf und die französische Sprache verliebte, hat eine grandiose, eine gewaltige Stimme. Sie hat genau dieses unvergleichliche, ein wenig heisere, leicht vibrierende Timbre, das eine herausragende Chansonette ausmacht. Ihre Stimme erfüllt den ganzen Raum, reicht bis ins Herz. Ich hatte bei den meisten Liedern eine Gänsehaut, aber als sie dann nach der Pause im zweiten Teil Piaf sang… Hach, da kamen sicher nicht nur mir die Tränen. Gefühlserschütternd!

Und Christine Bovill ist auch noch eine gute Geschichtenerzählerin, wenn sie in ihrem charmanten Glasgower Englisch über sich selbst oder über die Geschichten hinter den Liedern erzählt, die sie vorträgt, dann ist das unterhaltend, lehrreich und auch noch ungemein einnehmend. Sie würde gern nach Berlin ziehen, weil alle so nett seien, scherzt Madame Bovill und Berlin hätte da wirklich gar nichts dagegen! Zumindest so weit es das Publikum in der Bar jeder Vernunft betrifft, das mit tosendem Applaus nicht nur eine sondern noch zwei weitere Zugaben forderte!

Am 6. November ist Christine Bovill wieder in der Bar jeder Vernunft und ich kann euch nur empfehlen, schaut sie euch an! Sie ist grandios! Ich wünschte, sie würde auch mit ihrem reinen Piaf Programm nach Berlin kommen, vielleicht verwirklicht das die Bar ja im nächsten Jahr, das wäre wunderbar! Infos und Karten gibt es hier. Verpasst nicht das September & Oktober Menü, ich durfte gestern ausnahmsweise das Dessert probieren und es ist wundervoll.

©Nicole Haarhoff

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David Kaiser – Abgeschminkt – Theater O-TonArt

Ihr habt jemanden kennengelernt? Vielleicht online? Und ihr hattet schon ein paar Verabredungen, die Funken sprühen nur so, aber irgendwie geht es nicht weiter? Außer ein paar Küsschen zum Abschied ist noch nichts geschehen? Dann geht doch einfach mit dem oder der Angebeteten zu David Kaisers neuem Chansonabend im plüschigen Theater O-TonArt. Kuschelt euch in die bequemen Clubsessel. Trinkt ein gutes Glas Wein oder einen spritzigen Cocktail. Und lasst euch von David helfen.

Denn wenn euch die anregenden, schlüpfrig-erotischen Lieder seines neuen Programms nicht auf die Sprünge helfen, dann sehe ich schwarz für eure aufkeimende Romanze. Wenn euch die schöne Atmosphäre und Davids wunderbare Stimme, die euch Chansons in die Ohren flüstert, schmeichelt und trotzt, nicht in die richtige Stimmung versetzt – dann ist wohl leider Hopfen und Malz verloren. David Kaiser macht einfach ein wohliggutes Gefühl in Bauch und Seele, lässt einen schmunzeln, schwärmen und gibt dem Herzen auch manchmal einen kleinen schmerzhaften Stich. Die Zusammenstellung der Lieder ist wieder, genau wie beim vorangegangenen Programm „Wo sie begehren, da lieben sie nicht“ wunderbar abwechslungsreich, von sehnsüchtig-schmachtend zu aufreizend-anzüglich bis hin zu grob-amüsant, hier ist alles dabei!

Ich mag die Zeitlosigkeit der ausgewählten Lieder. Die Tatsache, dass sie, selbst wenn sie schon Jahrzehnte überdauert haben, beim Thema Liebe und Verlust, Erotik und Zwischenmenschlichkeit immernoch topaktuell sind. Und David Kaiser hat die Stimme, um den Liedern gerecht zu werden und sie genau richtig vorzutragen. Begleitet wird er dabei am Klavier ganz hervorragend von Joachim Kuipers. Dazu noch die behagliche Atmosphäre im heimeligen Theater O-TonArt und die charmante Art des jungen Chansoniers und fertig ist ein wunderbarer Wohlfühlabend. Egal, ob zusammen mit Virginia Plain als „Kaiser & Plain“ oder Solo als „Herr Kaiser“, ich finde diese Musikabende immer rundherum gelungen. Sehr zu empfehlen!

Auch ansonsten lohnt sich ein Blick in das Programmheft des Hoftheaters für königliche Unterhaltung!